21.09.2022

Wer hat Angst vor Konvertiten? Daniel Neumann darüber weshalb Pauschalisierungen und Vorurteile im Judentum fehl am Platz sind

Es ist schon erstaunlich, welche Themen es gelegentlich in prominente und überregionale Zeitungen schaffen. Etwa eine Debatte über die Rolle von Konvertiten im deutschen Judentum!

Ins Rollen gebracht wurde der Stein von der Berliner Kantorin Avitall Gerstetter, die in dem Artikel »Warum die wachsende Zahl von Konvertiten ein Problem für das Judentum ist« vor einigen Wochen in der »Welt« schrieb: »In den letzten drei Jahrzehnten haben die Giurim, die Übertritte, allerdings sehr stark zugenommen, was in manchen Betergemeinschaften dazu führte, dass die Quote der Konvertiten bei bis zu 80 Prozent liegt.«

Jede über viele Generationen gewachsene jüdische Traditionspflege scheine so »kaum noch leistbar, zumal inzwischen häufig auch Rabbiner und Rabbinerinnen, Kantoren und Kantorinnen erst spät übergetreten sind. Das Lehren aus einer gewachsenen und erfühlten Erfahrungswelt heraus, geprägt von den Erlebnissen der eigenen Kindheit und Jugend, ist so unmöglich«, meint Gerstetter: »In den meisten Fällen führt die christliche Sozialisation der Kandidatinnen und Kandidaten, gepaart mit dem eifrig erlernten Buchwissen zu einem neuen, nämlich einem theoretischen Judentum, fast zu einer ganz neuen Religion.«

Fast nebenbei kritisiert die Autorin neben angeblich fragwürdigen Motiven vieler Konvertiten auch die liberale Aufnahmepraxis noch liberalerer, oft selbst konvertierter Rabbiner – und die ihrer Ansicht nach tragischen Auswirkungen. Nun sind diese Sorgen nichts Neues. Neu war allerdings, dass sie dieses Unbehagen als Kantorin einer Gemeinde äußerte, der viele liberal (oder konservativ, also bei Masorti) übergetretene Juden angehören.

Schon vor vielen Jahren schrieb Henryk Broder, dass es gar unmöglich sei, zum Judentum überzutreten, denn ein jüdischer Kopf lasse sich alleine durch Wissensaneignung nicht herstellen. »Auch wenn es schwierig ist, das, was einen Juden ausmacht, zu definieren – die Religion allein ist es nicht. Es ist eine Mischung aus Frechheit und Paranoia, schlechten Manieren und gutem Essen, Rechthaberei und Selbstironie. Und es ist die Art, wie jeder Jude sein Judesein bestimmt.«

ZAHLEN Doch Jude hin, Paranoia her: Über wie viele Konvertiten sprechen wir eigentlich? So genau lässt sich das kaum sagen. Jedenfalls nicht für die Zeit bis zum Jahr 1990. Danach, also in den vergangenen 31 Jahren, sind nach Angaben der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) 2017 Menschen konvertiert. Und das bei gut 92.000 Mitgliedern, die derzeit in den jüdischen Gemeinden registriert sind. Das sind knapp 2,2 Prozent, was nicht nach einer Invasion klingt.

Einschränkend erklärt der Direktor der ZWST, Aron Schuster, allerdings, dass »diese Zahl nur eine beschränkte Aussagekraft hat, da bei Weitem nicht alle liberalen Gemeinden der ZWST angehören«. Was übersetzt bedeutet, dass gerade die Milieus, die bei manchen unter dem Verdacht stehen, »Discount-Juden« am Fließband zu produzieren, in dieser Statistik gar nicht erfasst sind.

Hinzu kommt der Umstand, dass viele Konvertiten ein hohes Maß an Überzeugung und Einsatzbereitschaft mitbringen, die so manchen Bio-Juden erblassen lassen. Und damit oft schneller, zielstrebiger und manchmal auch verbissener zu Werke gehen, zum Guten oder zum Schlechten.

Dabei muss eines klar gesagt werden: Konvertiten waren immer Teil unserer Geschichte und sollten im Judentum willkommen geheißen werden, auch wenn das Judentum keine »Mission« im klassischen Sinne kennt. Denn obwohl wir auch universelle Ideen vertreten, war es nie der jüdische Weg, andere zum Judentum zu bekehren. Zu dem Einen und Einzigen G’tt und bestimmten Werten durchaus, aber nicht zum Judentum als solchem. Wer trotzdem unbedingt Teil des jüdischen Teams werden will, muss einige Voraussetzungen erfüllen: die Ernsthaftigkeit des Begehrens, ein längerer Lernprozess, das Eintauchen in die jüdische Welt, das Erleben jüdischen Lebens aus nächster Nähe und die Praktizierung desselben.

BEIT DIN Außerdem bedarf es noch der formellen Aufnahme durch ein Beit Din, ein Rabbinatsgericht, und noch einiges mehr. Mit anderen Worten: Wer Teil des auserwählten Volkes werden will, muss sich zunächst beweisen, als würdig erweisen und bereit sein, ein jüdisches Leben mit all den Höhen und Tiefen und all den Herausforderungen zu führen. Jedenfalls in der Theorie. In der Praxis werden die Anforderungen an die Kandidaten höchst unterschiedlich gehandhabt.

Und während orthodoxe Rabbinatsgerichte sehr zurückhaltend sind, bevor sie Anwärter ins Judentum aufnehmen, agieren die liberalen – wie der Name schon sagt – liberaler. Die Anforderungen sind hier deutlich geringer, und der Übertritt ins Judentum wird schneller und freigiebiger ermöglicht.

Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Denn was, wenn auf diesem Weg zu viele Menschen aufgenommen werden? Oder die falschen? Also auch solche, die keine hehren Absichten hegen, deren Motive zweifelhaft sind, die mitunter gar nicht bereit sind, die Ideale, Gesetze und Traditionen anzuerkennen, sondern deren Änderung oder Abschaffung anstreben? Die das System also von innen heraus nach ihren Vorstellungen umformen wollen?

Dass die orthodoxen Torwächter gegen solch eine Praxis Sturm laufen, dürfte verständlich sein. Dass aber selbst Vertreter der liberalen Zunft ein Problem darin sehen, dass in zu vielen Fällen die Falschen von den Falschen aufgenommen werden, lässt aufhorchen.

LICHT UND SCHATTEN Wobei: Pauschalisierungen und Vorurteile sind völlig fehl am Platz! Es gibt unter den »Neo-Juden« Gute und Schlechte, Lichtgestalten und Schattenwesen. Außerdem muss noch einmal betont werden: Konvertiten gehören seit jeher zum Judentum. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil. Meist Segen, manchmal aber auch Fluch. In jedem Fall ist es nicht verwerflich, Sorgen auszudrücken oder Fragen aufzuwerfen.

Deshalb: Was passiert, wenn die Neo-Juden, die selbst nicht in jüdischen Familien groß geworden sind, die die meiste Zeit ihres Lebens nicht Teil der jüdischen Erfahrungswelt waren, die keine originär jüdische Erziehung erhalten haben und ihr Wissen nur aus Büchern haben, das deutsche Judentum durchdringen? Wenn sie führende Rollen in ihren Gemeinden einnehmen und das Schicksal des Judentums hierzulande mitbestimmen. Rabbiner werden und ihrerseits andere lehren oder ins Judentum aufnehmen?

Gerade und vor allem in Deutschland, wo das Judentum nach der Schoa so verletzlich und damit anfällig für Beeinflussung wurde – braucht es da nicht eine Art »Zurückhaltungsgebot«, bevor man beginnt, verantwortliche Positionen zu übernehmen und das Judentum von innen zu gestalten oder mutwillig zu verändern? Und wenn ja, wie lange soll diese Phase andauern? Fünf Jahre? Zehn Jahre? Eine ganze Generation?

Und muss dies dann nicht auch für »Bio-Juden« gelten, die in atheistischen oder säkularen Familien aufgewachsen sind und die nie irgendwelche Berührungspunkte mit jüdischem Leben im Alltag gehabt haben? Die noch nie eine Synagoge von innen gesehen haben und »Schabbat« für orientalisches Fastfood halten? Oder spielt der Mangel an jüdischer Bildung, jüdischer Tradition, jüdischem Lebensgefühl in diesen Fällen keine Rolle? Braucht es da keine »Zurückhaltungsgebote«? Geht es also ausschließlich um Hardware und nicht um Software? Also um das, was man ist, und nicht um das, was man werden kann?

QUOTE Und ist das nicht rassistisch und damit gänzlich ajüdisch? Und was heißt es überhaupt, wenn über »die vielen Konvertiten« gesprochen wird, die zu einem Problem werden sollen? Was sind viele? Und wann wird aus »vielen« »zu viele«? Wo liegt die Grenze, und wer legt das fest? Braucht es vielleicht gar eine Konvertitenquote? Um den Kern zu bewahren, das wahre Gesicht?

Wobei: Wie sieht das wahre Judentum eigentlich aus? Gibt es irgendwo das echte, authentische Judentum – oder ist es nur romantische Tagträumerei? Quasi Platos Reich der Ideen entsprungen – ursprünglich, ideal, vollkommen und vor allem unerreichbar? Und wer definiert diese Idee vom Judentum? Die Liberalen, die Konservativen, die Orthodoxen, die Paradoxen? Oder alle zusammen oder keiner von ihnen?

Anderseits: Wie fest und stabil muss das Fundament des Hauses sein, wenn man keine Grenzen zieht oder zu freigiebig neue Juden produziert? Wann zeigen sich erste Risse, die Vorboten des Zusammenbruchs sind?

HAUS Und wenn es doch standhält: Wie umfassend darf der Umbau sein? Wie viel Neues verträgt das Alte? Und ist das Haus, das neu entsteht, überhaupt noch wiedererkennbar? Ist es authentisch, gefüllt mit jahrtausendealten Traditionen? Mit Wissen und Weisheit, Melancholie und Humor, Skepsis und Hoffnung, Widerspruchsgeist und Paranoia?
Und ist es stabil genug, den Stürmen der Zeit zu trotzen? Kann es also zur Behausung für viele weitere jüdische Generationen werden? Oder ist es lediglich ein fragiles Gebilde aus der Retorte? Ohne Herz und Seele? Erneuert und modern, aber unnatürlich und steril?

All das sind berechtigte Fragen. Auch wenn befriedigende Antworten derzeit nicht in Sicht sind. Und doch ist eines sicher: Irgendwann, wenn der Messias endlich kommt, werden alle Fragen beantwortet. Und er muss es wissen, schließlich stammt er aus dem Hause einer Konvertitin!

Der Autor ist Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen.

Heute ist der

9. Tishri 5783 - 04. Oktober 2022