17.11.2022

"Wir haben uns getäuscht": über 80 Jahre nach der Pogromnacht ist Polizeischutz für Synagogen zum großen Bedauern nicht nur des OB „notwendiger denn je"

© Guido Schiek

Als es am Mitt­woch, 9. November, der Pogromnacht von 1938 und ihrer jüdischen Opfer zu gedenken galt, führte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Darmstadt, Daniel Neumann, mit freundlicher, ruhiger Stim­me nachdrücklich vor Augen, welchem Ausmaß an Antise­mitismus das deutsche Juden­tum heute zu begegnen hat.

Von Links, von Rechts, von Vertretern anderer Religionen, „ von Bildungsbürgern oder Fundamentalisten" komme dieser. ,"Deshalb braucht es mehr wir und weniger sie."

Zu Beginn seiner Ansprache in der gut besuchten neuen Synagoge erzählte der Vorsit­zende von einem Bekannten über 80, "besessen von der Shoah". Während der Gräuel habe der zwar sicher im da­maligen Persien gelebt, aber aus Berichten durchfahre ihn immer wieder „ein Unbeha­gen, wie eine nicht enden wol­lende Heimsuchung". über­winde der alte Mann seine Sprachlosigkeit, lande er bei Tatenlosigkeit, Skrupellosig­keit, mörderischer Bürokratie. Unmöglich bleibe, das Warum zu begreifen. Wie und wes­halb sich in jener schicksalsschweren Nacht auf den 10. November 1938 durch Scher­gen des NS-Regimes und zahl­reiche Mitbürger Bahn brach, was im Mord an sechs Millio­nen Juden mündete.

Ausdrücklich bedankte sich Neumann bei der obligato­risch anwesenden Polizei, "die für unseren Schutz sorgt". Nicht nur Darmstadts Ober­bürgermeister Jochen Partsch (Grüne) betrübt, dass dies "heute notwendiger denn je" sei. Ziel müsse bleiben, dass kein Polizeiauto mehr vor einer Synagoge stehen muss, dass alle Jüdinnen und Juden sich als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft auch angstfrei so fühlen können. "Wir haben uns getäuscht" , räumte das Stadtoberhaupt ein, auch selbst noch vor 10, 15 Jahren vom Niedergang des Antisemitismus ausgegan­gen zu sein. Das aktuelle La­gebild Antisemitismus der Amadeu-Antonio-Stiftung be­schreibe den wachsenden Antisemitismus in Deutsch­land als „Brückenschlag über alle Klassen und Milieus hin­weg".

Bei aller Unvergleichbarkeit des NS-Terrors sollten aktuel­le Entwicklungen auch im Rückblick alarmieren, zeigte Partsch auf. Zwei Jahre, bevor Mobs plündernd und brand­schatzend, mit tödlicher Ge­walt durch deutsche Straßen zogen, fand Olympia 1936 in Berlin statt. Kurz vor der um­strittenen Fußball-WM in Katar gehöre es nun hierzulande zum guten Ton, Menschen­rechte einzufordern, die vor nicht mal einem Jahrhundert auf das Schlimmste mit Füßen getreten wurden.

Neumann sprach über „mehr als 3000 antisemitische Taten allein im vergangenen Jahr" und die Gefahr des Zulassens. Wie beim Eklat zur diesjährigen Weltkunstausstellung Docu­menta in Kassel. Was Verant­wortliche zunächst als Kunst­freiheit verteidigten, war ein indonesisches Banner, das über einen voller Stereotypen gezeichneten Juden sinnbild­lich verunglimpfte. Als beson­ders tolerant auftretende wo­ke Mitmenschen, "all diejeni­gen, die für Doppelpunkte und Sternchen kämpfen, woll­ten nicht sehen, was sich vor ihren Augen abspielt".

Für Vertrauen und Miteinan­der, das auch in der Krise greift, warb die Vorsitzende des Gesprächskreises „Juden und Christen" beim Zentralko­mitee der deutschen Katholi­ken, Dagmar Mensink. Die Pogromnacht sei Vorbotin des unermesslichen Leids gewe­sen. Mahnend: "Wenn öffent­liche Ordnung und staatliche Gewalt erst einmal von Hass und Hetze bestimmt sind, ist es zu spät."
 

(Quelle: Darmstädter Echo vom 11.11.2022)

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