Lieber Notlüge als Ehekrach: Daniel Neumann über den Stellenwert der Wahrheit in der Tora

In seinem Buch Anleitung zum Unglücklichsein erzählt der österreichische Psychotherapeut und Philosoph Paul Watzlawick eine wundervolle Anekdote: Nach den Flitterwochen wollte die frisch gebackene Ehefrau ihrem Mann eine Freude machen und stellte ihm in der irrigen Annahme, dass er gerne Cornflakes esse, eine Packung derselben auf den Frühstückstisch.

Der Ehemann, der Cornflakes nicht ausstehen konnte, seine Frau aber auch nicht verletzen wollte, machte gute Miene zum bösen Spiel und aß missmutig die ungeliebten Cornflakes. Gleichzeitig nahm er sich vor, seiner Angetrauten die Wahrheit zu sagen, wenn die Packung erst aufgegessen sei. Als aufmerksame und fürsorgliche Ehefrau wartete diese jedoch nicht bis zum letzten Moment, sondern füllte den Cornflakes-Vorrat wieder auf, noch bevor die alte Packung gänzlich aufgebraucht war. Heute, 16 Jahre später, hat der Ehemann es aufgegeben, seiner Frau schonend beibringen zu wollen, dass er Cornflakes gar nicht leiden kann.


Die reizende Erzählung wirft ein Schlaglicht auf das schon seit Anbeginn der Menschheit bestehende Spannungsverhältnis von Wahrheit und Lüge und ebnet damit den Weg zu einer kniffligen Frage: Ist Ehrlichkeit ein absoluter Wert, oder sind Ausnahmen gestattet? Wie viel Wahrheit ist erforderlich, wie viel

Lüge ist erlaubt?


Halbwahrheiten Fest steht, dass wir Menschen regelmäßig lügen, und zwar mehrfach pro Tag. So hat eine amerikanische Studie aus dem Jahr 2001 ergeben, dass der Normalbürger 150- bis 200-mal am Tag lügt. Unabhängig davon, ob es sich nun um vorsätzliche Lügen, Notlügen, Flunkereien oder Halbwahrheiten handelt.


Es ist außerdem kein Geheimnis, dass eine zivilisierte Gesellschaft sich in nicht unerheblichem Maß auf die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit ihrer Mitglieder gründen muss, um das Vertrauen in Menschen und Institutionen nicht zu sehr ins Wanken zu bringen. Denn letztlich fußen unsere zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Beziehungen in beträchtlichem Maß auf gegenseitigem Vertrauen, das sich aus Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Integrität speist.


Also nochmal: Ist absolute Ehrlichkeit und die Verbannung der Lüge aus dem bunten Sortiment menschlichen Handelns als Idealzustand zu begreifen, oder müssen Ausnahmen erlaubt sein, die sprichwörtlich die Regel bestätigen?


Blicken wir auf die Lehren des Judentums als ältester monotheistischer Religion, so scheint die Antwort im ersten Moment klar und eindeutig. Denn schon ein kurzer Blick auf das neunte der Zehn Gebote lässt uns doch jeden Zweifel vergessen. Dort heißt es: »Lüge nicht!«


Eigentlich eine klare und eindeutige Formulierung, oder? Na ja, nicht ganz, denn der allgemein geläufige und knackige Imperativ »Lüge nicht« entspricht nicht dem hebräischen Original.


Zeugnis Die wörtliche Übersetzung lautet vielmehr: »Du sollst wider deinen Nächsten nicht aussagen als falscher Zeuge« und bezieht sich hauptsächlich auf Zeugnisse, Aussagen und Verleumdungen vor Gericht. Nichtsdestotrotz ist diesem Gebot auch abseits des Wortlauts eine weitergehende Aussage zur Betonung des hohen Gutes der Wahrheit und Aufrichtigkeit zu entnehmen.


Gebote Und diese wird wiederum in anderen Passagen der Tora sowie des Talmud und durch weitere Gebote bestärkt. So heißt es etwa im Talmud: »Die Wahrheit ist das Siegel G’ttes«. In den Sprüchen der Väter (1,18) steht geschrieben: »Die Welt ruht auf drei Dingen: Gerechtigkeit, Wahrheit und Frieden«, und in der Tora heißt es etwa im 2. Buch Mose 23,7: »Entferne dich von einer lügenhaften Sache«.


Ist das von dem amerikanischen Autor Robert Blanton ins Leben gerufene Programm mit dem Namen »Radical Honesty«, radikale Ehrlichkeit, das vorsieht, immer und in jeder Situation seine Gedanken und damit die unverblümte Wahrheit auszusprechen und so eine neue, aufrichtige und erstrebenswerte Form des Zusammenlebens zu entwickeln, streng genommen nur die strikte Umsetzung jüdischer Imperative?


Führt diese Form der Ehrlichkeit, wie sie im Lauf der Geschichte auch von Kirchenvertretern wie Augustinus oder Philosophen wie Immanuel Kant vertreten wurde, wirklich zu einer besseren Gesellschaft? Oder entstehen durch die radikale Ehrlichkeit nicht vielmehr Kollateralschäden, die das ursprünglich hehre Anliegen vereiteln?


Zweifel kommen einem jedenfalls, wenn man den Artikel des jüdischen Autors A. J. Jacobs liest, den dieser im Jahr 2007 für das Magazin Esquire geschrieben hat. In diesem Beitrag mit dem Titel »I think you’re fat!«, übersetzt »Ich denke, du bist fett«, beschreibt Jacobs die skurrilen Erfahrungen, die er gesammelt hat, während er nach dem radikalen Ehrlichkeitsprinzip lebte. Sein Fazit dürfte nach diesem Experiment kaum verwundern. Ein bisschen mehr Ehrlichkeit tut sicher jedem gut, doch radikale Ehrlichkeit schadet mehr, als sie nützt.


Werte Eine Erkenntnis also, die für ein gewisses Maß an Unehrlichkeit plädiert? Die das Lügen zu rechtfertigen sucht? Lässt sich solch eine Idee möglicherweise auch im Judentum finden, oder ist sie mit dessen idealistischen Vorgaben und Geboten vollkommen unvereinbar? Bei genauerem Hinsehen erkennen wir sehr schnell, dass die Angelegenheit komplizierter ist, als sie auf den ersten Blick erscheint.


Und dass die Antwort sich, wie so oft, eher innerhalb einer Schnittmenge und nicht in den Extremen finden lässt: Denn obwohl die jüdischen Schriften der Wahrheit, der Aufrichtigkeit und der Ehrlichkeit einen hohen Wert beimessen, handelt es sich nicht um allumfassende und absolute Werte. Stattdessen gibt es Situationen und Umstände, die nicht nur eine Abkehr von der Wahrheitsdoktrin erlauben, sondern sie im Gegenteil sogar gebieten!


Frieden So heißt es etwa im Talmud (Jebamot 65b), dass G’tt höchstpersönlich gegenüber Awraham eine Aussage seiner Frau Sara nur verkürzt wiedergegeben habe. Als Sara erfuhr, dass sie trotz ihres hohen Alters noch ein Kind gebären solle, lachte sie auf und fragte sich einerseits, wie sie angesichts ihres Alters noch schwanger werden solle, und andererseits, wie ihr Ehemann mit Blick auf sein hohes Alter denn noch ein Kind zeugen solle (2. Buch Mose 18, 12).


Von Awraham gefragt, weswegen Sara lache, antwortete G’tt lediglich, dass Sara sich für zu alt halte, um noch empfangen zu können. G’tt habe dies getan, um Awrahams Gefühle nicht zu verletzen und um den häuslichen Frieden zu wahren.


Ungeschminkt In einer weiteren Passage des Talmud (Ketuboth 16b–17a), wird von einem Disput zwischen den berühmten Lehrhäusern Schammai und Hillel berichtet. Inhalt des Streits war die Frage, in welcher Form man die Braut bei einer Hochzeit loben solle. Die Schule Schammais war dabei der Meinung, dass man mit Blick auf das Toragebot, sich von einer lügenhaften Sache zu entfernen, offen mit der Braut umgehen müsse.


Wenn sie allerdings lahm oder hässlich sei, so könne man ihr doch nicht sagen, dass sie eine anmutige Frau sei. Die Schule Hillels ging hingegen davon aus, dass man die Braut unabhängig von ihrem tatsächlichen Erscheinungsbild als schöne und anmutige Braut loben solle. Denn schließlich sei das Paar bereits vermählt, und die ungeschminkte Wahrheit würde an dieser Situation nichts mehr ändern, sondern stattdessen die Gefühle von Braut und Bräutigam verletzen.


Die überwiegende Anzahl der Weisen folgt bis heute der Meinung Hillels und meint, dass die Neigung einer Person immer darauf gerichtet sein sollte, freundlich mit anderen Menschen umzugehen und den Frieden zu wahren.


Verschleierung Obwohl die Tora der Wahrheit also einen hohen Wert beimisst und die Lüge verabscheut, verkennen die Rabbinen nicht, dass es Situationen gibt, in denen die unverblümte Wahrheit zu mehr Schaden als Nutzen führen kann. Eine Lüge, eine Halbwahrheit oder die Verschleierung der Realität können deshalb dann zulässig oder gar geboten sein, wenn dadurch der Frieden bewahrt oder wiederhergestellt werden kann.


Das gilt vor allem der Erhaltung des »Schalom Bajit«, dem Frieden des Hauses und der engen familiären Beziehungen. Denn nur, wenn Frieden und Harmonie in der Familie herrschen, kann sie ihrerseits zur Keimzelle und zum Fundament jüdischer Werte werden, die dann auch Menschen und Gemeinschaften außerhalb der Kernfamilie inspirieren, motivieren und animieren können.


Gesundheit Eine Lüge kann außerdem erlaubt sein, um die Gefühle des Gegenübers nicht zu verletzen. Ebenso, wenn es zur Verhinderung eines Schadens notwendig ist oder eine Gefahr für Leib, Leben oder Gesundheit abgewendet werden kann. Ganz gleich, ob es dabei um das Wohlergehen der eigenen Person oder des Nächsten geht. Und schließlich, wenn die Preisgabe von Informationen private und intime Details betreffen, deren Offenlegung niemanden etwas angeht, oder wenn durch die Lüge eine zuvor eingetretene Ungerechtigkeit wieder korrigiert werden kann.


Obwohl der jüdische Blick auf das Verhältnis von Wahrheit und Lüge also nicht eindimensional, sondern differenziert und ausgewogen anmutet, ist es doch unbedingt notwendig, das Regel-Ausnahme-Verhältnis nie aus den Augen zu verlieren. Denn trotz aller Ausnahmen bleibt eine Lüge immer eine Lüge. Und als solche führt sie bei Offenlegung nicht selten zu einem Haarriss in den oftmals fragilen zwischenmenschlichen Vertrauensverhältnissen.


So weist dann auch der Talmud (Sanhedrin 89) darauf hin, dass die Strafe des Lügners sei, dass man ihm auch dann nicht mehr glaubt, wenn er die Wahrheit sagt. Oder um es mit dem Volksmund auszudrücken: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann die Wahrheit spricht!

Daniel Neumann

Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/18491

  

(Bildquelle: Juedische-Allgemeine.de)

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