Gedenkstunde zur Pogromnacht 1938 in Jüdischer Gemeinde Darmstadt

Anflüge von Bitterkeit waren unüberhörbar bei den Gedenkreden in der Jüdischen Gemeinde Darmstadt, mit denen gestern Abend Verbindungslinien zwischen der Situation im sechsten Jahr der Nazi-Diktatur und der aktuellen Lage in Deutschland gezogen wurden.

In seinen Begrüßungsworten zitierte Daniel Neumann, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde in Darmstadt, aus einer aktuellen Studie: Demnach wolle mehr als die Hälfte der Deutschen "endlich einen Schlussstrich" ziehen unter die Auseinandersetzung mit Judenverfolgung und Holocaust. Die Anwesenden der Gedenkfeier, sagte Neumann, seien demnach Teil einer Minderheit, aber zugleich "wohltuendes Gegengewicht gegen diese Schlussstrich-Mentalität".

Die Erinnerung an den millionenfachen Judenmord "muss Teil des kulturellen Gedächtnisses unserer Nation bleiben", mahnte Oberbürgermeister Jochen Partsch - das gelte gerade für die Zeit nach dem Verstummen der letzten Zeitzeugen. "Die kompromisslose Ablehnung des Antisemitismus ist dauerhaft das Wertefundament unserer freiheitlichen Demokratie."

Trotz der zitierten Studie sah Partsch ermutigende Zeichen, dass die deutsche Gesellschaft auf dem richtigen Weg sei. Als Kronzeugin zitierte er die ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch. Sie hatte in einem Zeitungsaufsatz den Umgang mit der Flüchtlingskrise gelobt. Da zeige sich ein "Glanzlicht-Deutschland", und das Engagement der Bürgergesellschaft für die Neuankömmlinge zeuge von einem "Staat in bester Verfassung".

Ganz anders bewertete Partsch das Erscheinungsbild Europas: Die EU sei in einem "desolatem Zustand". Das zeige sich in der Ablehnung der meisten Staaten, mehr Flüchtlinge aufzunehmen, ebenso wie in einem wachsenden "jüdischen Exodus" aus Europa Richtung Israel. "Den 77. Jahrestag begehen wir in einem Europa, das angesichts der Flüchtlingskrise seine Prinzipien verrät", lautete das Fazit des Oberbürgermeisters.

In die positive Bewertung des deutschen Umgangs mit dem Flüchtlingszustrom wollte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Darmstadt, Moritz Neumann, nicht einstimmen. Zwar sei anfangs die Willkommenskultur gelobt worden, "doch es war nur eine Frage der Zeit, bis zu Begeisterung abflauen würde". Inzwischen meldeten sich verstärkt ablehnende Stimmen. "Und man darf sicher sein, dass es bei den bisherigen Zeichen der Distanz nicht bleiben wird."

Den ausführlichen Artikel über die Gedenkveranstaltung in der Jüdischen Gemeinde Darmstadt finden Sie auf den Seiten von Echo Online oder in unseremArchiv (PDF, 341KB).

  

(Bildquelle: Echo-Online.de)

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10. Av 5778 - 22. Juli 2018