Vorsitzender der jüdischen Landesgemeinden Moritz Neumann ist tot

Die Stimme des Gewissens wurde er genannt, als Moritz Neumann in den neunziger Jahren als neues Mitglied im Darmstädter Magistrat begrüßt wurde. Nun ist diese unverzichtbare Stimme des Gewissens verstummt. Moritz Neumann, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Darmstadt und des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen, ist in der Nacht zum 23. Juni 2016 gestorben. Er wurde 68 Jahre alt.

Neumann war schon lange schwer herzkrank. Er hatte gehadert mit der Widersetzlichkeit seines immer hinfälliger werdenden Körpers, der ihm die Strapazen verweigerte, die es erfordert, den Menschen wirksam ins Gewissen zu reden.

Seine Wirksamkeit, seine tief auf Hörer und Leser einwirkende Überzeugungskraft, lag in der Schonungslosigkeit seines Denkens. Er schonte seine Zuhörer nicht, er schonte den verhüllenden Wunsch nach Harmonie nicht, er schonte sich selbst nicht, wenn er - oft als einziger - aussprach, was das gesellschaftlich verordnete Maß an Zurückhaltung gerne verschwieg. Viele applaudierten ihm dann dankbar, manche auch, weil sie es nicht selbst hatten sagen müssen.

Vor allem der als politische Korrektheit getarnte Hang zur Verschleierung, der sich auch im Journalismus ausbreitet, erzürnte ihn. Rechtsradikale werden nicht mehr Rechtsradikale genannt, sondern "Rechtspopulisten", was so verdächtig nach populär und legitimiert klingt. Moritz Neumann empfand dieses beschönigende Denken als Rückzug vor dem zunehmend unverholen zur Schau gestellten neuen Faschismus, dessen Parolen zum Teil wörtlich der Kampfzeit der Nationalsozialisten entstammen.

In diese Kampfzeit gehört auch die Familiengeschichte, ohne die Moritz Neumanns Lebenswerk nicht denkbar ist. Der Vater Hans Neumann, Sozialdemokrat aus Breslau, überlebte als einer der wenigen seiner Familie den Holocaust. Er war in den dreißiger Jahren vor der drohenden Verhaftung geflohen und hatte sich im spanischen Bürgerkrieg am republikanischen Kampf gegen den faschistischen Putsch Francos beteiligt. Nach der Niederlage verschlug es ihn in die französische Fremdenlegion, wo ihn der Arm der Nazis doch noch erreichte: Das kollaborierende Vichy-Regime zwang alle emigrierten jüdischen Fremdenlegionäre in ein mörderisches Strafbataillon. Dort wurde er von Charles de Gaulles Exilarmee befreit, mit der er im befreiten Paris einmarschierte. Moritz Neumann hat über die Emigrationsjahre seines Vaters und über diesen kaum bekannten Teil der Judenverfolgung einen großen Roman geschrieben, in dem die Auseinandersetzung der Sozialdemokraten mit dem ideologischen Terror der Kommunisten ganze Passagen einnimmt.

Auch Neumanns Mutter hatte den Holocaust überlebt, in den Konzentrationslagern Auschwitz und Ravensbrück. In Fulda lernten sich die Eltern nach dem Krieg kennen, in Fulda wurde Moritz Neumann geboren, in Fulda begann bei der "Volkszeitung" sein Weg als Journalist, dessen Stationen die "Offenbach Post", die "Frankfurter Rundschau", die "Jüdische Allgemeine", das "Darmstädter Tagblatt" und schließlich das "Darmstädter Echo" waren.

Moritz Neumann war ein leidenschaftlicher Journalist, ein mitreißender Reporter, ein genau zupackender Kommentator. Und er hatte einen herzhaften Humor und großes Talent zur Satire, was sich auch in einer politschen Kabarettsendung im Rundfunk zeigte. Hinzu kam seine Liebe zur Musik. Viele Jahre, bis ihn seine Herzkrankheit zum Aufgeben zwang, leitete er die von ihm gegründete Klesmer-Gruppe "Oif Simches", die entscheidend zur Beliebtheit des jiddischen Liedes und Witzes in Deutschland beigetragen hat

Mitte der achtziger Jahre folgte Moritz Neumann dem Drängen seines Mentors Max Willner, des Vorsitzenden des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden. Er wandte sich vom Zeitungsmachen ab und wurde Geschäftsführer, nach Willners Tod dessen Nachfolger als Vorsitzender des Landesverbands. Er gehörte dem Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland an. Auch den Vorsitz der Jüdischen Gemeinde Darmstadt übernahm er bald, wo er nach dem Ende des Ostblocks die große Aufgabe zu bewältigen hatte, die jüdischen Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion, "unsere Russen", zu integrieren.

Diese neuen Gemeindemitglieder hatten nach Generationen des erzwungenen Verzichts auf ein jüdisches Gemeindeleben meist nur noch bruckstückhafte Kenntnisse von jüdischer Religion und jüdischer Geschichte. Dies bekräftigte Moritz Neumann in der Haltung, an der traditionellen Form der Religionsausübung festzuhalten. Die über Jahrtausende der Verfolgung um den ganzen Erdball vertriebenen Juden hatten ihre Identität nur durch diese Traditionen wahren können. Und dies wollte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, in weltlichen Dingen keineswegs konservativ, so fortführen.

http://www.echo-online.de/lokales/darmstadt/vorsitzender-der-juedischen-landesgemeinden-moritz-neumann-ist-tot_17017805.htm

  

(Bildquelle: Echo-Online.de)

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