Wachsender Antisemitismus in Kasseler Region: "Der Ton ist schärfer geworden"

Antisemitismus im Internet wird immer stärker. Das besagt eine aktuelle Studie der TU Berlin. Doch erleben das Juden auch im realen Leben in Stadt und Landkreis Kassel? Ein Interview mit Ilana Katz, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kassel.

Nehmen Sie stärkeren werdenden Antisemitismus wahr?

Ilana Katz: Ja. Als Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kassel bekomme ich immer häufiger Informationen darüber, dass Gemeindemitglieder aus Stadt und Landkreis zum Beispiel als „Scheiß Juden“ beschimpft werden.

Seit wann wird es schlimmer?

Katz: Seit 2014, als sich Konflikte zwischen Palästinensern und Israeliten verschärft haben. Es kam zu Anti-Israel-Demonstrationen in deutschen Städten, auch in Kassel, mit Parolen wie „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“. Ich habe den Eindruck, dass die Dämonisierung von Juden hier seitdem stärker geworden ist. Wie beim Spruch, „Juden sind Kindermörder“. Das ist gegen Israel gerichtet, greift aber Juden generell an.

Haben Sie persönlich denn Angriffe erlebt?

Katz: Die schlimmste Konfrontation war, als mir jemand vor der Synagoge auf die Schuhe gespuckt hat. Er schrie, fuchtelte mit den Armen, beschimpfte mich wegen meines Glaubens. Ich selbst bin aber weniger Ziel von Angriffen. Das geht oft gegen uns als Jüdische Gemeinde. Wir bekommen böse E-Mails, Briefe und Facebook-Nachrichten. In einer stand „Ich habe nichts gegen euch persönlich, aber ich hasse euch Juden.“

Erleben auch andere Gemeindemitglieder Antisemitismus?

Katz: Ein jüdisches Mädchen (16), die auf eine Schule im Landkreis Kassel geht, fuhr während einer Klassenfahrt nach Auschwitz. An den Krematorien sagte ein Klassenkamerad zu ihr: „Guck mal, hier ist der richtige Platz für dich.“ Das Problem dabei ist, dass man nicht genau sagen kann, ob der Klassenkamerad ein Antisemit ist oder einfach nur einen dummen Witz gemacht hat und sich einfach nicht über die Konsequenzen bewusst war.

Wie wirkt sich das denn auf die Jüdische Gemeinde in Kassel aus?

Katz: Diese Dinge mögen sich wie Kleinigkeiten anhören, aber sie drücken. In der Gemeinde gibt es Menschen, die immer mehr Angst haben, ihre Religion zu zeigen. Manche Eltern haben Angst, ihre Kinder in die Jüdische Gemeinde zu schicken.

Der Druck auf Juden hat sich hier also verstärkt?

Katz: Der Ton ist schärfer geworden. Ich werde auf einer Party angesprochen und gefragt, ob ich die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde bin, woraufhin ich „Ja“ antworte. Dann sagt die Person „Ich liebe alle Juden“, kritisiert aber, was wir Juden mit Palästinensern machen und wirft mir das persönlich vor. Ich wohne aber in Deutschland und habe damit nichts zu tun.

Ist es nicht okay, mit Ihnen auch über politische Themen zu reden?

Katz: Doch, auf jeden Fall. Aber dann muss die Kritik an die Verantwortlichen gerichtet sein. Ich brauche keine Liebeserklärungen und diskutiere gern über die Politik, aber nicht als Beschuldigte.

Beim Blick in die Zukunft?

Katz: Bin ich pessimistisch: Ich höre öfter die Frage von jüdischen Mitmenschen, ob sie die richtige Entscheidung getroffen haben, als sie nach Deutschland gekommen sind. Sie sagen, dass sie doch nach Israel gehen sollten. Es wird unruhiger für Juden.

Aber stehen hier nicht auch viele auf Ihrer Seite?

Katz: Wir werden gut geschützt von der Polizei und auch die Stadt ist auf unserer Seite. 2014 zum Beispiel war der damalige Bürgermeister Bertram Hilgen (SPD) an einem Freitag bei uns zu Gast, als eine Anti-Israel-Demo stattfand. Außerdem haben Studenten um die Synagoge einen Schutzwall gebildet.

Aber das schlechte Gefühl bleibt. Versuchen Sie, der Gemeinde Mut zu machen?

Katz: Klar, aber es gibt tief verwurzelten Antisemitismus, der sich nicht mehr ändern lässt. Wenn manche Gemeindemitglieder zur Synagoge laufen, kommen sie an einer Bank vorbei, von der derselbe alte Mann „scheiß Juden“ ruft.

Was lässt sich denn ändern?

Katz: Wir müssen mehr erklären und zeigen, wer und was wir sind. Wir können natürlich nicht Liebe für die Juden auf der ganzen Welt schaffen. Erst müssen wir das in Kassel, im Landkreis angehen – in unseren Straßen und Häusern und zeigen, dass wir ganz normale Menschen sind. Erst wenn es gar nicht mehr darum geht, dass wir Juden sind, haben wir unser Ziel erreicht.

Ilana Katz (56) wurde in der lettischen Hauptstadt Riga geboren. Dort studierte sie Biologie. Sie ist Geschäftsführerin eines Pflegedienstes und seit neun Jahren Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Kassel. Mit ihrem Mann hat sie zwei erwachsene Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Das Paar lebt in Vellmar. In ihrer Freizeit geht Katz gern mit ihrem Hund spazieren und hat das Billardspielen für sich entdeckt.

Anlaufstelle für Opfer von Übergriffen

Wer selbst Opfer oder Zeuge von antisemitischen Vorfällen wird, sei es durch E-Mails, Anrufe oder Mobbing, durch Sachbeschädigungen oder auch direkte, physische Angriffe, hat mit der Informationsstelle Antisemitismus Kassel eine Anlaufstelle. 

Hier gibt es eine Erstberatung, wie man sich nach einem Vorfall verhalten kann. Bei ausdrücklicher Erlaubnis des Opfers oder des Zeugen werden die Vorfälle auch veröffentlicht.

Kontakt: Telefon: 0561/937282 81; oder per E-Mail: Informationsstelle@sara-nussbaum-zentrum.de Erfassungsbögen für Vorfälle in deutscher, englischer und russischer Sprache sowie weitere Informationen sind zu finden unter sara-nussbaum-zentrum.de/informationsstelle/

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10. Tevet 5779 - 18. Dezember 2018