Marburg: Aus der Geschichte gemeinsam lernen

Durch ihre Reise an einen der symbolträchtigsten Orte der Nazi-Vergangenheit wollen die Teilnehmer ein klares Statement gegen Fremdenhass und Vorurteile setzen.

Weimar/Marburg

 

. Heute steht der ­Begriff „Buchenwald“ als Synonym für die Verbrechen der National­sozialisten, ein geschichts­trächtiges Mahnmal für die ­systematische Ausbeutung und Vernichtung von Menschen, von denen in diesem Konzentrationslager (KZ) mehr als 56 000 ihr Leben verloren.

 

Den Spuren der Erinnerung auf dem Ettersberg bei Weimar folgten kürzlich Vertreter sowohl der islamischen wie der jüdischen Gemeinde aus Marburg sowie anderer Religionsgemeinschaften und Initiativen. Während einer Führung durch den Bezirk der SS und den Häftlingsbereich des ehemaligen Lagergeländes erhielten die rund 40 Teilnehmer eindrucksvolle Einblicke in das Leben der Insassen und Opfer der methodischen Vernichtungsmaschinerie.

 

Das KZ Buchenwald wurde 1937 von der SS als Arbeitslager errichtet und galt bei Kriegsende mit 139 Außenlagern als Deutschlands größtes KZ. Acht Jahre lang wurden politische Gegner des Naziregimes, Vorbestrafte, Juden, Sinti und Roma sowie Homosexuelle und andere sogenannte „Gemeinschaftsfremde“ des deutschen „Volkskörpers“ aus ganz Europa in ­Buchenwald inhaftiert.

Insgesamt fast 280 000 Gefangene lebten unter menschenunwürdigen Bedingungen zwischen Folter, Hunger, Gewalt, Mord und Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie.

Juden und Moslems beten und gedenken gemeinsam

Der Schicksale der Häftlinge gedachte die interreligiöse Besuchergruppe an mehreren Orten und gezielt als Gruppe.

Auch wenn die historischen Berührungspunkte für die jüdischen Besucher klar überwogen, traten Gläubige aller Religionen geschlossen auf. Dies mit dem Ziel, jede Form von Diskriminierung zu verurteilen und zusammen Konsequenzen aus der Geschichte zu ziehen: „Wir wollen zeigen, dass Juden und Muslime Seite an Seite stehen, eine gemeinsame Menschlichkeit vertreten, unabhängig von Religion und Kultur“, ­sagte Dr. Bilal Farouk El-Zayat, Vorsitzender der islamischen Gemeinde.

Am Gedenkstein für ­alle Ermordeten des KZ verbrachte die Gruppe gemeinsam einen Moment der Besinnung. Amnon Orbach, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, und Imam Asim Alqusaibi von der islamischen Gemeinde sprachen jeweils ein Gedenkgebet zur Lobpreisung und zur Totenehrung.

Einen bleibenden Eindruck hinterließ während der ganztägigen Reise der gemeinsame Besuch der 1940 erbauten Pathologie und Verbrennungsanlage – ein zentrales Zeugnis der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. In völli­ger Stille nahmen die Besucher wortlos Anteil am Schicksal der Ermordeten, die zu tausenden ihr Ende in den Öfen ­fanden. Sechs Anlagen brannten ab 1941 durchgehend. Sie lassen die Gewalt der NS-Zeit sichtbar werden und geben zugleich Anlass zum Austausch zwischen Religionsgemeinschaften.

Wie eine angeregte ­Debatte bewies, lassen sich noch im Schrecken ­Gemeinsamkeiten finden. Denn im Islam wie im Judentum ist nach dem Tod nur eine Erdbestattung erlaubt. „Für Juden und Muslime ist die Verbrennung etwas ganz Schlimmes – es bedeutet quasi kein Leben nach dem Tod und gilt hier im KZ erst recht als totale Erniedrigung der Toten“, ­erklärte Nadya Homsi von der islami­schen Gemeinde.

Sie war bereits mehrfach in der Gedenkstätte, findet dennoch „jedes Mal neue Fragezeichen – es ist unvorstellbar, dass Menschen in der Lage sind, so etwas zu machen“. Das werde an der systematischen Ausbeutung von Arbeitssklaven und vermeintlichen Systemfeinden deutlich, so wie an dem von der SS-Führung erdachten Rang- und Sozialsystem.

Geschichte zeigt Parallelen zur Gegenwart

Dieses beinhaltete ­gezielte ­Denunziation, Bevorzugung einzelner Gruppen und einen systematischen Aufbau von Missgunst, Neid und Rassismus. Ein Schwerpunkt war ein ausgefeiltes, dabei wahlloses Bestrafungsmodell innerhalb der organisierten Gewaltherrschaft der Lagerleitung zwischen Propaganda, konsequenter Aussonderung und brutaler Angstmache.

„Gewalt und die Angst davor wurden gezielt eingesetzt – denn Überlebenschancen hatten nur die Häftlinge, die unverletzt blieben und arbeiten konnten, die anderen wurden aussortiert und ermordet“, erklärte Julia Treumann, die durch die Gedenkstätte führte. Dieses System der Vernichtung war der grausame Gipfel einer jahrelang um sich greifenden Propaganda-Maschinerie, die lange vor Kriegsbeginn scheinbar harmlos in kleinen Denunziationen und der wachsenden Ausgrenzung von Minderheiten ihren Anfang nahm.

Was aus geschürter Angst, ­Religionsfeindschaft, Fremdenhass und Abschottung schlussendlich in der Vergangenheit entstand und in der Gegenwart entstehen könnte – darauf machten die Besucher aufmerksam: „Wir haben derzeit eine gefährliche Situation in der Welt, Menschen werden ausgegrenzt, ertrinken im Meer, werden genutzt, um politische Ziele durchzusetzen – all das hat es schon einmal gegeben“, zog El-Zayat Parallelen zu den Anfängen der NS-Zeit.

„Der lange Arm der Geschichte reicht bis in unsere Gegenwart, auch heute gibt es wieder einen Rechtsruck in der Gesellschaft und es wird Hass geschürt, auch gegen Juden und Muslime“, sagte Monika Bunk, zweite Vorsitzende der jüdischen Gemeinde.

Diese Warnzeichen gelte es zu erkennen und daraus Konsequenzen zu ziehen – außerhalb von politischen und religiösen Denkmustern, die auch innerhalb der verschiedenen Religionsgemeinschaften vorherrschen. Diese gelte es abzubauen. Gerade angesichts von religiösen Konfliktherden in der Welt und Ausschreitungen zwischen Muslimen und Juden wolle man auch hier „ein klares Zeichen“ setzen.

Gerade in Marburg versuche man, gemeinsame ­Wege zu gehen, arbeite am runden Tisch der Religionen zusammen und wolle, „nicht übereinander, sondern miteinander reden“.

Heute ist der

10. Tevet 5779 - 18. Dezember 2018