Antisemitismus: Schwer in Zahlen zu fassen

Belästigungen, Beschimpfungen, krude Vorurteile - Antisemitismus gibt es fast täglich, bleibt aber häufig unterhalb der Strafbarkeitsschwelle.

Am Ende steht immer eine Verurteilung, selbst dann wenn der Schuldige nicht ausgemacht werden kann. Erst am Montag hat der Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Volker Jung, nach einem Treffen mit dem Landesverband der jüdischen Gemeinden „die jüngsten antisemitischen Übergriffe“ verurteilt, wie es in einer Pressemitteilung heißt. Ein klares Statement soll es sein. Doch es zeugt auch von einer gewissen Hilflosigkeit: Denn vor einer Verurteilung – auch einer symbolischen – steht die Tat. Und antisemitische Übergriffe, die Taten, um die es hier geht, gehören nach Jungs Worten „für Jüdinnen und Juden zum Alltag in Deutschland“.

Dabei ist zumindest in Hessen die Zahl der von den Polizeibehörden registrierten antisemitischen Straftaten rückläufig. 2014, als im Gaza-Streifen der Konflikt zwischen der Hamas und Israel wieder einmal eskalierte, hatte sie mit 76 Fällen einen vorläufigen Höchststand erreicht. 2017 fiel sie das dritte Jahr hintereinander auf nunmehr 59.

Doch selbstverständlich geben die Zahlen des hessischen Innenministeriums nur einen Teil der Realität wieder. Belästigungen, Beschimpfungen, krude Vorurteile, die sich im persönlichen Gespräch offenbaren, sind Erfahrungen, von denen fast alle Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Hessen berichten können. Vieles davon bleibt unterhalb der Strafbarkeitsschwelle. Und selbst wenn ein strafrechtlich relevantes Verhalten vorliegt, bevorzugen es viele Betroffene zu schweigen: aus Angst davor, die Situation noch schlimmer zu machen oder weil sie es satthaben, immer wieder nur als Opfer wahrgenommen zu werden.

Für das laufende Jahr liegen dem Innenministerium in Wiesbaden noch keine Zahlen vor. Der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) in Berlin sind derweil bereits 26 antisemitische Vorfälle gemeldet worden. Den weitaus größten Teil macht das sogenannte verletzende Verhalten aus. Doch auch ein körperlicher Angriff, vier Sachbeschädigungen und eine Bedrohung zählen dazu. Die meisten Vorfälle wurden aus Frankfurt (9) und Kassel (5) gemeldet.

„Wir veröffentlichen Vorfälle nur, wenn die Betroffenen dem zustimmen. Dies ist besonders in schwereren Fällen häufig und aus verständlichen Gründen nicht der Fall“, erläutert Ilana Katz, Geschäftsführerin des Sara-Nussbaum-Zentrums in Kassel, bei der auch die Informationsstelle Antisemitismus Kassel (ISAK) angesiedelt ist. Dort werden antisemitische Vorfälle in Hessen erfasst und Betroffenen wird Hilfe angeboten. „Insofern ist es für uns vor allem möglich, der Öffentlichkeit Propagandadelikte bekanntzugeben, Belästigungen und Bedrohungen im persönlichen Umfeld aber eher selten“, betont Katz.

Seit die ISAK im Jahr 2016 ihre Arbeit aufgenommen hat, verzeichnen die Mitarbeiter eine stetig steigende Bereitschaft, antisemitische Vorfälle zu melden. „Wir führen das darauf zurück, dass wir als communitynahe jüdische Einrichtung das Vertrauen von vielen Betroffenen genießen und unsere Bekanntheit mit der Zeit gestiegen ist“, sagt Katz. Doch auch die öffentliche Debatte über Antisemitismus habe ihren Teil dazu beigetragen.

Die allerdings entzündet sich in der Regel an besonders spektakulären Fällen, die bestenfalls die Spitze des Eisbergs darstellen. Erst im Juli berichtete der Offenbacher Rabbiner Mendel Gurewitz, „mal wieder“ von Jugendlichen in Offenbach angepöbelt worden zu sein. Selbst aus der Sicht des Betroffenen kein außergewöhnlicher Vorgang, wäre da nicht ein entscheidendes Detail gewesen.

Bereits 2013 war Gurewitz einmal von eine Gruppe Jugendlicher in der Offenbacher Innenstadt massiv verbal und körperlich angegangen worden. Der Vorfall machte bundesweit Schlagzeilen – und einer der Täter von damals gehörte auch im Jahr 2018 zu den Pöblern. Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft Darmstadt die Ermittlungen übernommen.

Auch im Fall Gurewitz folgte auf die Tat die schnelle „Verurteilung“ des Übergriffs durch Politiker und Institutionen. „Was wir uns aber wirklich wünschen“, sagt Alfred Jacoby, Mitglied im Vorstand des Landesverbands der jüdischen Gemeinden, „dass nicht nur Präsenz gezeigt wird, wenn etwas passiert ist. Wir brauchen kontinuierliche Arbeit.“ Die Einsetzung eines Antisemitismusbeauftragten in Hessen sei ein richtiger Schritt, heißt es vom Landesverband. „Aber es wird keine leichte Aufgabe werden“, mahnt der Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Salomon Korn.

Heute ist der

12. Kislev 5779 - 20. November 2018