30 Jahre Neue Synagoge in Darmstadt

Erinnern zwischen Hoffen und Bangen: Michel Friedman spricht von „Judenhass“ in Deutschland und ruft beim Festakt zum 30. Jahrestag der Neuen Synagoge zum Kampf gegen Antisemitismus auf.

„Es ist die Zeit, wieder politisch zu sein“: Mit eindringlichen Worten hat Michel Friedman am Sonntag in Darmstadt dazu aufgerufen, rechtsradikaler Hetze, Rassismus und Antisemitismus Einhalt zu gebieten und Freiheit, Gleichheit und Demokratie als Fundamente der deutschen Gesellschaft zu verteidigen. Wer zur Kernaussage des Grundgesetzes stehe, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, „der muss Konsequenzen ziehen“, forderte der frühere Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland in seiner Festrede zum 30. Geburtstag der Neuen Synagoge. Diese war am 9. November 1988 eingeweiht worden.

„Schauen wir doch hin“, beschwor Friedman, der heute Honorarprofessor an der Frankfurt University of Applied Sciences ist, die in der Synagoge versammelten Gäste. Es gehe nicht mehr darum, den Anfängen zu wehren, die Enthemmungen hätten nicht erst jetzt begonnen. „Wer von uns hat nicht in den vergangenen Jahren Bemerkungen gehört, die die Würde des Menschen angetastet haben“, fragte er die Versammelten. Wer aber habe dann Gesicht gezeigt und sich für eine Gruppe eingesetzt, der er selbst gar nicht angehöre – sei es bei der Arbeit oder wenn etwa auf dem Fußballplatz ein Team als „Schwulenmannschaft“ beschimpft werde.

„In der Gesellschaft sind Risse erkennbar“, äußerte Friedman seine Sorge über die politische und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland. Der inzwischen nicht nur im Bundestag, sondern auch in allen Landtagen vertretenen AfD warf er vor, keine Partei wie alle anderen zu sein. Sie sei zwar demokratisch gewählt, aber nicht demokratisch. Ihre Kernaussagen drehten sich um „Hass, Gewalt und Ausgrenzung“.„Werden wir hierbleiben, wenn die AfD künftig Mitglied einer Bundesregierung wäre?“, fragte der Festredner. Anders als das von Schriftsteller George Tabori in die Worte „Jeder ist jemand“ gefasste humanistische Versprechen gebe es Menschen in diesem Land, die sagten, „Einige sind niemand“, seien es nun Juden oder Muslime. Wie weit aber gewöhne man sich an eine solche Verrohung der Sprache? „Ich bin nicht mehr bereit, von Antisemitismus zu sprechen“, betonte Friedman. Das klinge so gemütlich. Er spreche von Judenhass.

Zuvor hatten sich auch der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Darmstadt, Daniel Neumann, und Oberbürgermeister Jochen Partsch besorgt über den wachsenden Rassismus und Antisemitismus in Deutschland gezeigt, aber auch mit warmen Worten an die mit dem Bau der Neuen Synagoge verbundenen Hoffnungen und die Initiatoren des Projekts erinnert. Den 30. Geburtstag feiere man „in der wohl schönsten Synagoge Deutschlands“, sagte Neumann. „Nach allem, was war, ist das alles andere als selbstverständlich.“

Die Idee, den wenigen Darmstädter Juden, die den Holocaust überlebt hatten, eine neue Synagoge zu bauen, hatte der Journalist und SPD-Stadtverordnete Rüdiger Breuer. Er gewann dafür nach Neumanns Worten rasch dessen Vater Moritz, der damals provisorisch die Geschäfte führte, und den seinerzeit in Amerika weilenden Gemeindevorsitzenden Joziu Fränkel sowie dessen Frau Hanka. „Drei Träumer hatten einen gemeinsamen Traum, den sie umsetzten“, formulierte es am Sonntag der Architekt des Neubaus, Alfred Jakoby. „Ihnen gilt unser großer Dank.“

Noch braucht es Zaun und Polizeischutz

Die Hoffnungen, die sich mit dem neuen Haus verbanden, hätten sich größtenteils erfüllt, sagte Neumann. Allerdings habe man sich ein offenes Haus gewünscht und brauche doch bis heute einen Zaun und Polizeischutz. „Jüdisches Leben ist in Deutschland nicht normal, und ich fürchte, das wird es nie werden.“

Oberbürgermeister Partsch erinnerte ähnlich wie zuvor Neumann an das „herausragende bürgerschaftliche Engagement“ beim Neubau der Synagoge – nach dem „Akt der Barbarei“ in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, bei dem die drei Darmstädter Synagogen zerstört worden waren. Von Breuer, dessen Frau Sigrid und der „Initiative Synagoge 88“ eingeworbene Spenden ermöglichten die Anschaffung der vom britischen Künstler Brian Clarke entworfenen Bleiglasfenster. Partsch sagte, bürgerschaftliches Engagement sei auch heute wieder gefragt im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus. Nicht zuletzt die Vorfälle in Chemnitz und der Überfall dort auf eine jüdische Gaststätte weckten Erinnerungen an die Schrecken der Pogromnacht 1938.

Europaministerin Lucia Puttrich sagte auf der vom Duo Barazik einfühlsam musikalisch begleiteten Feier, die Neue Synagoge sei „ein Sinnbild für das Ankommen und Bleiben“ jüdischen Lebens in Darmstadt. Solange allerdings Polizeischutz bei einer Synagoge notwendig sei, sei die Kontinuität der Judenfeindlichkeit in Deutschland greifbar.

Heute ist der

10. Tevet 5779 - 18. Dezember 2018