11.10.2019

Nicht ohne Streifenwagen: Die Synagoge in Darmstadt ist bei Veranstaltungen immer geschützt doch die Jüdische Gemeinde lässt sich nicht einschüchtern

Darmstadt

Am Tag 1 nach Halle liegt die Wilhelm-Glässing-Straße friedlich in der Morgensonne. Ein Polizeibus steht vor dem Zaun an der Synagoge, die Scheiben hinten und an den Seiten sind blickdicht verklebt, im Kofferraum bellt ein unsichtbarer Hund.

Die Streifenbesatzung frühstückt gerade. „Wir haben die Präsenz an jüdischen Objekten hessenweit verstärkt“, lautet der einzige offizielle Satz, zu dem ein Polizeisprecher in Frankfurt ermächtigt ist, „...auch in Darmstadt“, ergänzt die Pressestelle des Darmstädter Polizeipräsidiums.

Dass ein schwerbewaffneter Neonazi am höchsten jüdischen Feiertag Yom Kippur Brandsätze gegen die Eingangstür der Synagoge werfen kann, ohne von der Polizei daran gehindert zu werden, ist in Darmstadt ausgeschlossen. Auch am Mittwoch stand hier wie bei jeder Veranstaltung ein Streifenwagen. „Das war schon vor Halle so und das wird auch nach Halle so bleiben“, sagt Polizeisprecherin Christiane Kobus.

Der Zaun um die Synagoge ist gut zwei Meter hoch und massiv. Das ganze Areal wird von Kameras überwacht, die ihre Bilder direkt in die Einsatzleitstelle der Polizei übertragen. Teil des Sicherheitskonzepts, wie auch die regelmäßigen Streifenfahrten, wenn sich niemand in der Synagoge aufhält, sagt Christiane Kobus.

Dass in Sachsen-Anhalt Brandsätze fliegen und ein rechter Terrorist im Anschluss Leute auf der Straße erschießt, ist daher für den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, Daniel Neumann, „ein klares Versagen der Polizei in Halle“. Die Synagoge am höchsten jüdischen Feiertag ungeschützt zu lassen, an dem sich die gesamte Gemeinde zur Einkehr und zum Gebet versammelt, dem „verletzlichsten Moment im ganzen Jahr“, wie Daniel Neumann es nennt, macht ihn fassungslos.

Den Terrorangriff wertet er demnach als „klaren Angriff auf jüdisches Leben“. Und: „Es ist nichts, was uns überrascht, es war nur eine Frage der Zeit, bis das passiert.“ In den vergangenen Jahren sei das europäische Ausland Ziel gewesen, die USA und Neuseeland, nun sei Deutschland dran mit dem Lübcke-Mord und mit Halle.

Folge einer gesellschaftlichen Entwicklung in den vergangenen Jahren, einer Stimmung, die einen Boden bereite, auf dem Menschen wie der Attentäter glaubten, einen sicheren Stand zu haben, sagt Daniel Neumann. Eine Art Legitimation, mit der die Täter annähmen, dass sie „den unausgesprochenen Willen des Volkes in die Tat umsetzen“.

Aus der Bürgerperspektive, sagt Daniel Neumann, fühle er sich überhaupt nicht bedroht. Er habe nicht das Gefühl, er müsse Angst davor haben, auf die Straße zu gehen oder eine Großveranstaltung zu besuchen. Sollte dabei etwas passieren, wertet er es als „allgemeines Lebensrisiko“.

Aber: „Das Bild verschiebt sich, wenn ich die jüdische Brille aufsetze“, sagt er. Juden waren schon immer ein Ziel, und für Rechtsextreme – auch Islamisten – sowieso. „Als Jude ist man einem deutlich höheren Risiko ausgesetzt“, stellt er dementsprechend fest. „Das hat sich in den letzten Jahren sukzessive erhöht.“

Seine am Mittwoch zum Versöhnungsfest Yom Kippur in der Synagoge versammelte Gemeinde hat der Vorsitzende selbstverständlich aufgeregt und auch besorgt erlebt. „Aber die meisten würden sich von sowas nicht abschrecken lassen“, sagt Daniel Neumann. Es gebe aber sicher Menschen, die künftig überlegten, ob sie ihre Kinder in die jüdische Schule schicken oder auf jüdische Veranstaltungen gehen können.

Daran soll es in Darmstadt keinerlei Zweifel geben. Oberbürgermeister Jochen Partsch sagte am Donnerstag, „auch bei uns in Darmstadt darf es keinen Platz für Antisemitismus, Rassismus und neue und alte Nazis geben.“ Nur wenn sich alle gemeinsam gegen die Strömungen stellten, die die Gesellschaft auseinandertreiben wollten, „wird es uns gelingen, dass alle Menschen in unserem Land frei und ohne Angst leben können“.

Auch Daniel Neumann wünscht sich ein vielschichtiges Entgegensetzen von Zivilcourage und Aufklärung, wünscht sich Menschen, die – angefangen im Familienkreis oder am Stammtisch – auf allen Ebenen einstehen gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.

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