06.01.2021

Überregionale Reaktionen auf erneute antijüdische Verbalattacke gegen Offenbachs Rabbiner: Entsetzen über Pöbelei gegen Geistlichen, Lob für Zivilcourage

Offenbach

Die von Nazi-Gesten begleitete üble Verbalattacke eines 46-jährigen Wohnsitzlosen hat bei Offenbachs Rabbiner Spuren hinterlassen. Auf Facebook nennt Mendel Gurewitz die auch von seinen Kindern miterlebten Beschimpfungen durch den Angetrunkenen eine „traumatische Erfahrung“.

Positiv berührt ist er hingegen von der Reaktion der Anwohner und Nachbarn, die miterlebten, was er am Abend des Neujahrstags auf dem Heimweg von der Synagoge in der Kaiserstraße erleben musste.

„Von jedem Fenster aus griffen Leute ein, schrien auf den Aggressor ein, verteidigten uns, verständigten die Polizei. Einige verließen ihre Häuser und verfolgten ihn zu Fuß oder mit dem Auto. (...) Es war eine plötzliche Explosion von Liebe und Unterstützung“, schreibt der Offenbacher Rabbiner Mendel Gurewitz in dem sozialen Netzwerk Facebook.

Der von der Polizei erst mit dreitägiger Verzögerung öffentlich gemachte Vorfall zeitigt überregionale Reaktionen. Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz hat ihrem Offenbacher Kollegen ihre Solidarität bekundet und die Zivilcourage von Zeugen gelobt. „Jeder Angriff auf jüdisches Leben, ob verbal, tätlich oder tödlich ist immer ein Schock für die hier in Deutschland lebenden Juden“, sagte der Frankfurter Rabbiner Avichai Apel vom Vorstand. „Was uns trotz dieses traurigen Anlasses freut: Bürgerinnen und Bürger Offenbachs haben Zivilcourage gezeigt und den Angreifer lautstark in seine Schranken verwiesen.“

Auch der katholische Mainzer Bischof Peter Kohlgraf äußerte sich zu dem antisemitischen Angriff auf den jüdischen Geistlichen: „Mit Betroffenheit habe ich vom Angriff auf Rabbiner Mendel Gurewitz in Offenbach erfahren. Ihn, seine Familie und die Gemeinde versichere ich meiner Solidarität. Denen, die beherzt reagiert haben, danke ich aufrichtig. An antisemitische Einstellungen und derartige Vorfälle dürfen wir uns nicht gewöhnen.“

In einer Stellungnahme befindet der Hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker: „Die Tat in Offenbach zeigt, dass Jüdinnen und Juden ihren Glauben in der Öffentlichkeit nicht ohne Sorge um die eigene Unversehrtheit offen zeigen können.“ Das sei 76 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz „ein schlimmes Zeugnis über den Zustand unserer Gesellschaft in unserem Land, wie insgesamt in Europa“.

Die Menschen in Offenbach, so Becker, hätten aber gezeigt, „dass sie sich schützend vor ihre jüdischen Nachbarn stellen und Judenhass nicht einfach geschehen lassen.“ Für ihn ein wichtiges Zeichen dafür, „dass jede und jeder einzelne etwas gegen Antisemitismus tun kann.“

Der an Kleidung, Hut und Barttracht als orthodoxer Geistlicher erkennbare Mendel Gurewitz ist nicht das erste Mal in Offenbach Opfer von antijüdischen Pöbeleien geworden. In der Vergangenheit waren die Täter auch marokkanische Jugendliche gewesen. So 2013 im Einkaufszentrum am Aliceplatz. Zum Teil die gleichen Täter gingen ihn im Juli 2018 an der Ecke Kaiser-/Mainstraße an. „Scheiß Jude!“, „Scheiß Israel!“ „Palästina, Gaza!“ und mehr habe er sich anhören müssen, berichtete er damals unserer Zeitung. Die älteren seiner neun Kinder weigerten sich inzwischen schon, mit dem Papa auf die Straße zu gehen, erzählte der Rabbiner zudem traurig. Im September 2018 beschimpften sechs 13- bis 16-Jährige Gurewitz in der Bettinastraße. Wie die Polizei ermittelte, waren sie bulgarischer, italienischer, serbischer und deutscher Nationalität.

Der resolute Gurewitz, 1974 in eine New Yorker Rabbiner-Familie geboren und in Paris aufgewachsen, ist aber kein Mensch, der solche Beleidigungen tatenlos über sich ergehen lässt. In allen früheren Fällen hat er die Pöbler zur Rede gestellt.

Der Kiosk-Trinker vom Neujahrstag, der auch den Hitlergruß zeigte, machte sich vorher aus dem Staub. Die von Zeugen verständigten Polizei konnte den Mann festnehmen. Gegen ihn wurde ein Ermittlungsverfahren unter anderem wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen eingeleitet.

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3. Tammuz 5781 - 13. Juni 2021