25.01.2023

Freundeskreis Sergiev Posad zu Gast in der Jüdischen Gemeinde Fulda

Fulda

Noch nie war es für den Freundeskreis Sergiev Posad so schwierig, den Kontakt mit der russischen Partnerstadt aufrechtzuerhalten. Offizielle Kanäle gibt es nicht mehr, nur über persönliche Kontakte gelingt noch ein Austausch. So entstand die Idee, als Freundeskreis in Fulda aktiver zu werden. Der erste Besuch im neuen Jahr galt der Jüdischen Gemeinde Fuldas.

Herzlich begrüßt wurden wir dort von Roman Melamed, Vorstandsmitglied und Vorbeter der Gemeinde. Diese hat inzwischen 340 Mitglieder, viele kommen aus ehemaligen Sowjet-Republiken. Die Fuldaer Gemeinde definiert sich selbst als konservativ. "Im Judentum gibt es drei Konfessionen", erklärte uns Herr Melamed. "Es gibt die frommen Juden, die sehr konservativ sind, es gibt die liberalen oder progressiven Juden, für die das Judentum nur Kultur und Geschichte ist, und dazwischen gibt es die modernen Konservativen – dazu zählen wir uns."

Die Tora besteht aus den fünf Büchern Mose, in denen die Vorschriften und Gebote für fromme Juden niedergelegt sind. Es sind 613 Vorschriften – davon 248 Gebote und 365 Verbote, die definieren, wie gläubige Juden leben sollen. Juden bringen der Tora allergrößten Respekt entgegen – so darf sie z.B. nicht mit bloßen Händen berührt werden, sondern mit dem "Jad", einem kleinen silbernen Stab als Lesehilfe. Die Sprache der Tora ist Hebräisch. Seit Jahrtausenden wird sie von Hand auf koscherem Pergament und mit einem koscheren Gänsekiel geschrieben. Damit Sie eine Vorstellung davon haben, wie anspruchsvoll die Aufgabe des "Sefer" (= Tora-Schreiber) ist: Es dauert ungefähr ein Jahr, bis eine komplette Tora-Rolle geschrieben ist. Deshalb sind Tora-Rollen auch sehr teuer, für den Alltag gibt es die Tora deshalb auch in Buchform.

Nur im Gottesdienst wird aus der Tora-Rolle vorgelesen. Die Lesungen folgen dem jüdischen Kalenderjahr. Zum Vergleich: Im christlichen Gottesdienst ist das Evangelium ähnlich hervorgehoben wie die Tora-Rolle im Judentum – nur der Priester liest daraus, und vor und nach der Lesung ertönt der Halleluja-Ruf.

Die Vorschriften der Tora umschreiben drei Themenkreise: die Gesetze rund um Sabbat und die jüdischen Feiertage, die Gesetze rund um die Familie und die Beziehung zwischen Frau und Mann bzw. Eltern und Kindern, und die Speisegesetze. Gerade was den Sabbat angeht, fanden wir Gemeinsamkeiten zum Christentum – denn "Du sollst den Sonntag ehren!" kennen wir als drittes der zehn Gebote, auch wenn es in unserer säkularisierten Welt nicht mehr streng eingehalten wird. Das Ideal jüdischen Lebens ist die klassische Familie, sie zu leben ist sogar eine religiöse Pflicht. Das impliziert auch, dass andere Lebensformen (gleichgeschlechtlich, kinderlos) von konservativen Juden zwar toleriert, aber nicht unbedingt akzeptiert werden.

Die jüdischen Speisegesetze regeln, dass nur gegessen werden darf, was koscher ist. Fleisch stellt dabei ein Problem dar. Hier gilt: erlaubt ist, was gespaltene Hufe hat und Wiederkäuer ist. Und natürlich müssen Tiere auch koscher geschlachtet werden. In Fulda ist das nicht möglich, koscheres Fleisch muss im Großhandel bestellt werden.

Milchiges und Fleischiges darf weder zusammen verwendet noch gleichzeitig bei einer Mahlzeit gegessen werden. Da Gemüse und Obst als "parve" (= neutral) gelten, ist vegetarisches Essen immer koscher. Zum Vergleich: Im Christentum gibt es prinzipiell keine verbotenen Speisen, wir kennen aber das Freitagsgebot (kein Fleisch) und die Fastenzeiten. Im Alltag wird beides nur noch von wenigen Christen praktiziert.

Ein Rundgang durch Museum und Synagoge

Schon während des Vortrags beantwortete Herr Melamed viele Fragen, genauso spannend war der Rundgang durch das kleine Museum der Jüdischen Gemeinde, bei dem er uns die Kultgegenstände des jüdischen Glaubens erklärte. Das Museum bewahrt auch Dokumente und Bilder jüdischer Familien in Fulda auf. 

Unübersehbar im Synagogenraum ist der Davidsstern auf dem Vorhang vor dem Tora-Schrein. Die beiden Dreiecke des Hexagramms stehen für die Verbundenheit von Gott und Mensch. Auf Hebräisch heißt der Davidstern "Magen" (= Schild), das verweist auf Davids Geschichte als Kriegsherr. Wie in katholischen Kirchen brennt im Synagogenraum ein Ewiges Licht und kennzeichnet so den Ort, an dem eine Tora-Rolle aufbewahrt wird. Am Eingang zum Synagogenraum ist eine "Mesusa" (= hebräisch für Türpfosten) angebracht. Die kleine Kapsel enthält das "Schma Jisrael" (= Höre, Israel). Es ist eines der wichtigsten Gebete des Judentums und das Pendant zum christlichen Glaubensbekenntnis. Die Mesusa schützt und segnet Haus und Bewohner.

Es war ein lehrreicher und nachdenklicher Abend – wir haben ein Stück Fulda näher kennengelernt, das uns im Alltag sonst nicht so häufig begegnet. Danke dafür!

Heute ist der

28. Kislev 5784 - 11. Dezember 2023