22.02.2023

»Das hat mich schon sehr mitgenommen«

Gießen

Dr. Aviv im Interview mit der Gießener Allgemeinen.

Herr Dr. Aviv, Sie konnten am Donnerstag die »Notgrabung« an der früheren Synagoge allein besichtigen. Was war das für ein Moment?

Das war ein berührender und irgendwie auch erhabener Moment, der mich schon sehr mitgenommen hat. Da wurden natürlich auch viele Erinnerungen wach.

Waren Sie überrascht, dass fast 85 Jahre nach den Tagen des Pogroms doch noch etwas auftaucht von den Gießener Synagogen?

Der Umfang des Funds hat mich schon überrascht. Das sind eindeutige Reste der liberalen Gießener Synagoge. Sie erinnern auch daran, dass die große Synagoge ein sehr prominentes und markantes Gebäude in Gießen war und sich diese jüdische Gemeinde um das Jahr 1900 im Aufschwung befand. Sie war fester und anerkannter Teil der Stadtgesellschaft. Die Synagoge hatte nach der Erweiterung 500 Plätze, unsere Gemeinde heute hat nur 170 Mitglieder.

Sie haben sofort dabei geholfen, einige Fundstücke einzuordnen. Um welche Gegenstände ging es da?

Es ging einerseits um einige Lederstücke, bei denen es sich offensichtlich um Reste von Einbänden von angebrannten Gebetsbüchern handelt. Darauf lassen hebräische Worte wie Schabbat schließen. Andererseits könnte es sein, dass es sich bei dem eckigen großen Stein mit dem Loch in der Mitte um den Sockel für das »ewige Licht« gehandelt hat, die Menora. Aber das ist nur eine erste Vermutung von mir. Ich habe einige Fotos gemacht und nach Jerusalem zu Archäologen geschickt, die uns in Gießen vielleicht weiterhelfen können.

Die Überlegungen, wie der Fund der Nachwelt erhalten werden kann, stehen erst ganz am Anfang. Haben Sie eigene Ideen?

Ich habe ja schon häufiger gesagt, dass es am Standort der großen und 1938 zerstörten Synagoge etwas Anschaulicheres geben sollte als nur den Gedenkstein, den kaum einer wahrnimmt. Ich hatte ja mal eine 3-D-Modellierung des Gebäudes vorgeschlagen, so ähnlich, wie das in Marburg gemacht wurde. Das ist dann aber im Sande verlaufen. Vielleicht könnte ein Teil der Grabung unter einer Glasplatte präsentiert werden. Der Fund ist jedenfalls eine große Chance für die Erinnerungskultur in Gießen. Da bieten sich ganz neue Möglichkeiten.

Wie wird die jüdische Gemeinde auf den Fund reagieren?

Für die jüdische Gemeinde ist dieser Fund und die Verbindung, die er zur Geschichte der Stadt herstellt, natürlich sehr bedeutsam. Ich habe darüber auch schon mit unserem Rabbiner gesprochen. Wir werden möglichst zeitnah eine Gedenkveranstaltung in der Gemeinde organisieren und an die Holocaust-Opfer aus den jüdischen Gemeinden Gießens erinnern.

 

 

 

 

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