22.02.2023

Synagogen-Reste entdeckt

Gießen

Ungewöhnlich gut erhaltene Überreste der in der Reichspogromnacht angezündeten neuen Synagoge wurden jetzt bei Ausgrabungsarbeiten vor der Kongresshalle entdeckt.

»Als am Morgen des 10. November die Frau des Synagogendieners im Heizungsraum der neuen Synagoge in der Südanlage 2 (die damals noch Hindenburgwall hieß) Licht machte, um die Öfen zu kontrollieren, hörte sie ein Klopfen an der Haustür.« So beginnt eine Schilderung von der Zerstörung der größten Gießener Synagoge, die Platz für 500 Besucher bot, in der Pogromnacht des Jahres 1938. Damals wurde das Gebäude verwüstet und in Brand gesteckt, die Ruine anschließend geplündert und schließlich gesprengt. Von der Synagoge sei kein Stein mehr übrig, meldete die Gießener NS-Führung nicht ohne Stolz in die Gauhauptstadt und log dabei einmal mehr.

Verdrängte Geschichte unterm Asphalt

Fast 85 Jahre später hat sich eine Handbreit unter dem Asphalt unverhofft ein Fenster in das düsterste Kapitel unserer Geschichte geöffnet und man kann erstmals seit dem Tag, an dem in Gießen die Diskriminierung der Deutschen jüdischen Glaubens in offene Verfolgung und Entrechtung umschlug, wieder in diesen Heizungskeller schauen.

Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher, Stadträtin Astrid Eibelshäuser, der Bodenarchäologe der Stadt Gießen, Björn Keiner, und Dr. Sandra Sosnowski vom Landesamt für Denkmalpflege präsentierten am Freitag die unerwarteten Entdeckungen einer Notausgrabung. »Für einen historischen Moment kann man sich der eigenen Geschichte und jener der Stadt an einem zentralen Ort stellen«, sagte Becher.

Vor dem Hintergrund der Erweiterung des Kongresshallenfoyers war bereits mit Funden gerechnet worden, da der Standort der Synagoge, die im 90-Grad-Winkel zur heutigen Kongresshalle vis-à-vis dem Stadttheater gestanden hatte, gut dokumentiert ist. Womit allerdings niemand gerechnet hat, ist der außerordentlich gute Zustand der Synagogen-Reste. Teilweise bis in Brusthöhe sind die Kellerräume des Gebäudes erhalten. Dort, wo früher der Kiosk der Touristen-Information angesiedelt war, ist noch die alte Kohlenrutsche zu sehen, über welche die 1925 eingebaute Zentralheizung versorgt worden war. Die Ausgrabung hat den mittleren Bereich der Synagoge freigelegt. Auch die anderen beiden Teile des Kellers Richtung Südanlage und unter der Kongresshalle dürften also noch erhalten sein, da die Kongresshalle nicht unterkellert ist.

Die binnen sechs Wochen unter teils widrigen Wetterbedingungen mit Dauerregen und Temperaturen von bis zu minus zehn Grad freigelegten Räume befanden sich in der Mitte des 1867 errichteten und 1892 erweiterten Gotteshauses. Sorgsam behauene Sandsteinquader markieren den Übergang vom Altbau zum Anbau.

Auffälligster Fund ist ein großer achteckiger Stein mit einer quadratischen Öffnung, der wahrscheinlich beim Brand des Gebäudes durch die Decke gebrochen und in den Keller gestürzt ist.

Dow Aviv von der Jüdischen Gemeinde hat ihn als Fuß eines Chanukka-Leuchters, des ewigen Lichts, identifiziert. Aviv hatte bereits am Vorabend als Erster die Ausgrabung besichtigen können. Ein Moment, der viele Emotionen in ihm ausgelöst habe, und in dem viele Erinnerungen an seine eigenen, in der Shoah umgekommenen Angehörigen auf ihn einstürmten, sagte er im Gespräch mit dem Anzeiger. »Das war ein Augenblick, der mir klar gemacht hat, wie wichtig eine lebendige Erinnerungskultur für uns ist.« Aviv kündigte an, dass die Jüdische Gemeinde einen Gedenkgottesdienst an der Ausgrabungsstelle abhalten werde.

Wie mit den neuen Funden umgegangen wird, ist derzeit noch offen, auch wenn sie bereits Auswirkungen haben. Eine ursprünglich unter der künftigen Terrasse des erweiterten Kongresshallen-Foyers geplante, 18 Kubikmeter fassende Zisterne ist inzwischen verlegt worden.

Über das weitere Vorgehen werde der Magistrat in Rücksprache mit dem Denkmalschutz entscheiden. Eine Glasplatte im neuen Anbau, der einen Blick in die Vergangenheit ermöglichen würde, ist nach Ansicht von Landesdenkmalschützerin Sosnowski »nicht das Mittel der Wahl«. Astrid Eibelshäuser gibt zu bedenken, dass auch die Kongresshalle unter Denkmalschutz stehe. »Das muss man in ein sinnvolles Verhältnis bringen und deshalb kann man heute noch keine abschließenden Aussagen treffen.« Vieles ist denkbar; von der 3D-Rekonstruktion des Gebäudes in einer »Virtual Reality«-Umgebung bis zu einer »Augmented Reality«-Version der Ruinen, die man vor Ort per Smartphone anschauen könnte.

Ob die Integration der Kellerräume, etwa als Gedenkstätte, in die Kongresshalle möglich wäre, ist nicht nur eine Frage der Kosten, sondern auch der Statik. »Ob die Gebäudeteile aufgestockt werden könnten, müsste erst einmal geklärt werden«, sagt Sosnowski. Aus archäologischer Sicht sei auch das Zuschütten der Kellerräume eine Option, da dies die Überreste am besten für nachfolgende Generationen und für eventuelle spätere Ausgrabungen konserviere. Zumal der Fund jetzt mit 3D-Technik vermessen und bestens dokumentiert sei.

Verbrannte Gebetsbücher im Bauschutt

Im Bauschutt, mit dem die Keller nach der Sprengung verfüllt wurden, hat das polnische Ausgrabungsteam nicht nur von der großen Hitze des Brandes deformierte Nägel, Schrauben, eiserne Türbeschläge und Lampenschirme entdeckt, die teilweise in den Steinboden eingeschmolzen sind, sondern auch stark angesengte Überreste von Gebetsbüchern. Auf einem briefmarkengroßen Schnipsel kann man noch das hebräische Wort für »Schabbat« entziffern.

Entdeckt wurden bei den Ausgrabungen auch die Überreste eines längst vergessenen Nachkriegsbaus. Direkt auf den Synagogenfundamenten und damit deren Stabilität ausnutzend, wurde - Ursache und Wirkung - eine Notbaracke für Ausgebombte errichtet. Auch beim Bau der Kongresshalle Anfang der 1960er muss man übrigens auf die Überreste einer finsteren Vergangenheit gestoßen sein. So sind damals Teile einer Kellerwand entfernt worden, um eine Wasserleitung für die Halle zu verlegen. Groß thematisiert wurde das in den Wirtschaftswunderjahren offenbar nicht. Seinerzeit seien auch Planungs- und Genehmigungsverfahren sehr viel kürzer gewesen als heute, und es gab auch noch keinen Denkmalschutz, ergänzte Astrid Eibelshäuser.

Dass die Öffentlichkeit erst jetzt über den Fund informiert wurde, erklärt der Stadtarchäologe mit der Furcht vor Beschädigungen durch Raubgräber und Andenkensammler. »Es gibt da nichts zu holen, schon gar keine Schätze«, betont Björn Keiner. Auch sei es sicher nicht die beste Idee, in ein von zwei Bauzäunen und mit Kameras gesichertes Areal einzudringen, das nur wenige Meter vom Polizeipräsidium entfernt liegt.

Besichtigen kann man die Synagogen-Reste übrigens auch ganz gefahrlos und kostenlos. An zwei Wochenenden soll es sogar einen öffentlichen Zugang zum Grabungsgelände mit Führung und Erläuterungen geben, wahrscheinlich am letzten Februar- und am ersten März-Wochenende, das steht aber noch nicht genau fest.

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