13.11.2023

»Nie wieder ist jetzt«

Bad Nauheim

Vor der Bad Nauheimer Synagoge versammelten sich 150 Bürgerinnen und Bürger, um an die Reichspogromnacht 1938 zu erinnern und ihre Solidarität zu bekunden.

Polizeiautos sperrten die Straße rund um die Karlstraße 34 in Bad Nauheim ab. Es war Donnerstagvormittag, als die Ordnungshüter die Gedenkveranstaltung vor der Synagoge bewachten, vor der sich rund 150 Menschen versammelt hatten. Anlass war der 85. Jahrestag der Reichspogromnacht. »Es ist erbauend, dass heute so viele Menschen zu uns gekommen sind und sich vor unsere jüdische Gemeinde stellen wollen«, erklärte Vorsitzender Manfred de Vries. Nach den Ansprachen der Einladenden trug Rabbiner Yachin Nahmany die Totengebete Kaddish und El Maleh Rahamin vor. Es war eine Veranstaltung, die angesichts des derzeit explodierenden Antisemitismus einen besonders ernsten Hintergrund hatte.

Der evangelische Pfarrer Peter Noß sprach für die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GcjZ). »An keinem 9. November kann man ohne die Erinnerung an die Reichspogromnacht 1938 gedenken, als auch in der Wetterau Synagogen zerstört, Geschäfte geplündert, Jüdinnen und Juden gedemütigt und verhaftet wurden.« Mit dem 7. Oktober 2023 sei ein weiteres Datum hinzugekommen, wie Noß konstatierte: »An diesem Tag wurden mehr als 1400 Menschen von Hamas-Terroristen ermordet, vorwiegend jüdische Israelis.« Über 200 Menschen seien entführt worden. »Es ist der schrecklichste Pogrom seit der Shoa«, stellte der Pfarrer fest. Er fuhr fort: »Wir werden es nicht zulassen, dass sich der Hass und die Vorurteile gegen Jüdinnen und Juden weiter ausbreiten.« Die GcjZ stehe an ihrer Seite. »Und wir erwarten, dass jede Form von Antisemitismus und Gewalt von staatlicher Seite und Polizei möglichst verhindert oder bestraft werden.«

Klaus Kreß: »Ein Akt der Schande«

Bürgermeister Klaus Kreß bezeichnete den Überfall der Hamas auf den Süden Israels als Akt der Schande. Scharf verurteilte er Angriffe auf jüdische Einrichtungen und Personen sowie Hass und Hetze. »Wir können, wir werden das nicht zulassen - nicht, weil wir als Deutsche eine besondere Verantwortung tragen - diese Verantwortung kommt allerdings erschwerend hinzu - sondern weil wir Menschen sind. Menschen, die in einem Europa aufgewachsen sind, dessen Gedankenwelt auf den Idealen des Humanismus fußt.« Wie der Bürgermeister betonte, sei es deshalb richtig und wichtig, Zuwanderern künftig stärker genau das klarzumachen: »Zu Deutschland gehören nicht nur Möglichkeiten der beruflichen Entwicklung, gute Schulen und Absicherung. Zu Deutschland gehört auch die Überzeugung, dass unterschiedliche Glaubensgemeinschaften friedlich ihre Religion ausüben können.« Es gelte, diese Haltung sowie Werte wie Meinungsfreiheit und Toleranz gegenüber allen Zuwanderern entschieden zu vertreten, »aber auch in angemessener Demut«, unterstrich der Rathauschef.

Ganz offensichtlich würden diese Werte »längst nicht mehr von allen geteilt, obwohl deren Vorfahren seit Langem in Deutschland leben«. Kreß weiter: »Es gibt also viel zu tun, und manches Mal mag einem der Berg dieser anstehenden Aufgaben unbezwingbar erscheinen.« Aufgeben sei keine Option. Er appellierte, zusammenzustehen, um die Sicherheit von Jüdinnen und Juden in Bad Nauheim zu gewährleisten.

»Solidarisch Hass entgegentreten«

Der katholische Pfarrer David Jochem Rühl sprach von einem neuen Antisemitismus »in bisher ungeahnter Größenordnung und seit Jahrzehnten nicht mehr«. Er bezeichnete dies als kaum fassbar und ertragbar. Die evangelische Pfarrerin Meike Naumann fragte: »Wie aufmerksam sind wir wirklich, wenn es um versteckten oder ganz offenen Antisemitismus geht?« Es gelte, Hass entgegenzutreten, Solidarität zu zeigen und die Erinnerung wachzuhalten. Laut Manfred de Vries wird Juden stets aufs Neue zugeschrieben, an irgendetwas Schuld zu sein. »Immer wieder höre ich jetzt auch wieder: ›Die Juden sind schuld.‹“ Er fragte, wo die Vertreter der türkisch-islamischen Gesellschaft an diesem Tag seien. »Wo sind die anderen? Sie hassen uns! Und dieser Hass muss reduziert werden.« Parallelgesellschaften, vor denen Juden in Deutschland Angst haben müssten, seien nicht erwünscht. Wie schnell die Schuldumkehr nach dem Überfall auf Israel am 7. Oktober da gewesen sei, bezeichnete de Vries als unglaublich. 1400 Menschen seien ermordet worden.« Was momentan geschehe, sei Schuld der Hamas. »Sie hat das angefangen«, unterstrich er unter Applaus. De Vries beschrieb es weiterhin als seine Aufgabe und die seines Teams, »das Judentum in der Mitte der Gesellschaft zu zelebrieren«. GcjZ-Vorsitzende Britta Weber lud ein, sich vor der Synagoge fürs Foto aufzustellen. Eine größere Gruppe hielt dabei Schilder hoch, auf denen stand: »Nie wieder ist Jetzt.«

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