21.11.2023

Bitte recht freundlich: Daniel Neumann über Empathie, die gegenüber anderen Lebewesen für den Menschen ein Gebot ist

Darmstadt

Wenn man sich als moderner Mensch in unserer Zeit mit religiösen Texten aus uralten Zeiten beschäftigt, fallen recht schnell abfällige, despektierliche Bemerkungen. Denn sowohl die Tora als auch die Hebräische Bibel als Ganzes gelten heutzutage nicht unbedingt als »Straßenfeger«.

Zu trocken, zu schwer verständlich, zu antiquiert – so lauten wohl noch die freundlichsten Beschreibungen. Dazu kommen Vorschriften, die – um es vorsichtig zu formulieren – für Außenstehende ziemlich skurril klingen. Dabei lohnt es sich durchaus, einmal genauer hinzuschauen. Und zwar nicht nur aus eigenem Interesse, sondern auch im Interesse unserer Mitmenschen, der Tierwelt und der Schöpfung als solcher. Eine dieser Vorschriften, die auf den ersten Blick recht merkwürdig klingt, findet sich im 5. Buch Mose.

Dort heißt es: »Wenn du zufällig auf dem Weg ein Vogelnest siehst, auf einem Baum oder auf der Erde, mit Jungen oder mit Eiern, während die Mutter auf den Jungen oder den Eiern sitzt, so sollst du die Mutter nicht samt den Jungen nehmen; sondern du sollst die Mutter auf jeden Fall fliegen lassen, und die Jungen kannst du dir nehmen, damit es dir gut ergehe und du lange lebst« (5. Buch Mose 22,6).

»Tzar baalej chajim« ist das Verbot, irgendwelchen Lebewesen absichtlich Schmerz zuzufügen.

Es handelt sich um ein Gebot, das ohne größere Mühen erfüllt werden kann – schließlich braucht es nicht mehr als ein kurzes Winken mit der Hand, um den Muttervogel davonzujagen. Leichter geht es kaum. Doch was ist der Sinn dieser Vorschrift, die wohl nur wenige kennen und gewiss noch weniger jemals ausgeführt haben dürften? Darüber – manche ahnen es wahrscheinlich schon – diskutieren seit Jahrhunderten einige unserer größten Rabbiner und Philosophen. Die Mehrheit von ihnen versteht es als Ausdruck des Respekts vor dem Tier und seinen Gefühlen.

Denn obwohl der Mensch im Rahmen der Schöpfung quasi als Hauptdarsteller die Bühne betrat und er im Gegensatz zu den Tieren als einziges Lebewesen als Ebenbild Gʼttes geschaffen wurde, heißt das noch lange nicht, dass er das Recht hat, Pflanzen, Tiere und Umwelt geringzuschätzen, geschweige denn zu missachten oder zu missbrauchen. Ganz im Gegenteil: Zwar gilt dem menschlichen Leben das höchste Maß an Achtung, aber auch Tiere und die Schöpfung als solche müssen mit Respekt behandelt werden. Schließlich drückt die Achtung vor der Schöpfung gleichzeitig Respekt für ihren Schöpfer aus.

Es existiert ein Prinzip, das aus genau dieser Idee erwächst: »Tzar baalej chajim« – das Verbot, irgendwelchen Lebewesen absichtlich Schmerz zuzufügen. Stattdessen werden Rücksichtnahme, Fürsorge und Mitgefühl gefordert. In diesem Kontext schrieb Maimonides, der Rambam (1138–1204) in seinem philosophischen Meisterwerk Führer der Unschlüssigen: »Uns ist verboten, das Tier und sein Junges am selben Tag zu töten, damit man sich davor hüte und es verabscheue, das Junge vor den Augen der Mutter zu töten. Denn darin liegt eine sehr arge Tierquälerei, weil in dieser Hinsicht zwischen dem Schmerzgefühl des Menschen an sich und dem der Tiere kein Unterschied liegt.«

Weiter heißt es: »Und derselbe Grund gilt auch für das Gebot, dass man bei der Aushebung eines Vogelnestes die Mutter freilassen muss, denn die Eier, auf denen die Mutter sitzt, oder die Küken, die der Mutter bedürftig sind, sind zumeist ohnehin zur Nahrung ungeeignet. Lässt man die Mutter nun frei, und sie kann sich entfernen, so wird ihr die Qual erspart, zu sehen, dass man ihr die Jungen wegnimmt, und in den meisten Fällen wird dies den Ausnehmer veranlassen, das Ganze stehenzulassen.«

Daraus folgt für den Rambam: »Wenn also das Gesetz schon dieses Seelenleid bei Haustieren und Vögeln so schonend berücksichtigt, um wie viel mehr beim Menschen!«

»Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.«

Es geht hier also um das Verständnis, die Fürsorge und die Rücksicht auf das Tier als ein von Gʼtt geschaffenes Lebewesen. Eine Kreatur, die wir aus Nützlichkeitserwägungen und der Notwendigkeit heraus zwar gebrauchen, die wir aber niemals missbrauchen dürfen – ein Lebewesen, das Schmerz empfinden und Leid verspüren kann und das deshalb unsere Sorge und unser Mitgefühl verdient Darüber hinaus greift hier noch eine weitere Erwägung. Es soll verhindert werden, dass eine ganze Familie, eine Verwandtschaftslinie oder gar eine Spezies an einem einzigen Tag ausgelöscht wird.

Deutlich wird dies ebenfalls durch ein Talmudzitat, das durch Steven Spielbergs Film Schindlers Liste eine gewisse Berühmtheit erlangt hat: »Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.«

Im Fall des Muttervogels muss ein Leben gerettet werden, um sicherzustellen, dass weitere Nachkommen gezeugt werden können, sodass die Linie fortgesetzt werden kann – also eine kleine Vogelwelt gerettet wird. Aus genau diesem Grund dürfen auch nicht Tiere und ihr Nachwuchs am selben Tag geschlachtet werden, wie es in der Tora heißt (3. Buch Mose 22,28). Dabei gibt es durchaus auch andere Sichtweisen. Nachmanides, der Ramban, etwa, der kurz nach Maimonides im 13. Jahrhundert lebte, meinte, dass es hier nicht um die Rücksicht auf die Gefühle des Muttervogels gehe, sondern darum, Barmherzigkeit in uns Menschen zu kultivieren.

In seinem Tora-Kommentar zum 5. Buch Mose 22,6 schrieb er dazu: »Der Grund liegt darin, uns Mitleid zu lehren und dass wir nicht grausam sein sollen.« Nachmanides sorgte sich also weniger um die Gefühle des Vogels als vielmehr um die Menschlichkeit des Menschen. Wie auch immer – jedenfalls lohnt sich bereits das Studium der Texte und die Beschäftigung mit den Vorschriften, um den Geist und den Wert der zugrundeliegenden Ideen zu verinnerlichen.

Gleichzeitig besteht natürlich immer das Risiko, dass man manche dieser Vorschriften falsch versteht, ihren tieferen Sinn nicht erkennt oder die Botschaft der bloßen Erfüllung unterordnet. So berichtet A. J. Jacobs in seinem Buch Die Bibel und ich davon, dass er einmal bei einem frommen Juden namens Berkovitz in Manhattan eingeladen war. Sein Gastgeber hatte zwei Nester mitsamt brütender Tauben auf seiner Fensterbank. Nun lud Berkovitz seine frommen Bekannten dazu ein, das Gebot des Schiluach Haken, also des Fortsendens des Muttervogels, zu erfüllen. Was geschah also?

Spenden helfen Menschen in Not

Einer nach dem anderen kam zu Besuch und schickte die Taube mit einem Wink davon. Danach hoben die frommen Besucher die Eier mit einem Handschuh vorsichtig aus dem Nest, sprachen einen Segensspruch und legten das Ei anschließend ebenso vorsichtig wieder in das Nest zurück. Daraufhin gaben sie alle eine großzügige Spende für wohltätige Zwecke und gingen in dem Hochgefühl, dieses Gesetz endlich einmal erfüllt zu haben, aus dem Haus. Ob das alles im Sinne des Erfinders war, darf bezweifelt werden. Aber andererseits: Den Bedürftigen, die anschließend in den Genuss der Spenden kamen, wird ziemlich egal gewesen sein, woher die Spenden kamen und warum sie gegeben wurden.

Was wirklich zählte, war die Tatsache, dass Menschen in Not damit geholfen werden konnte. Und genau das ist wiederum sehr wohl im Sinne des Erfinders!

Unabhängig davon zählen der Respekt und die Rücksichtnahme auf das Tier zu einer der elementaren Säulen des Judentums. Dabei ist es unwichtig, ob es vorrangig um die Empfindungen der Tiere geht oder dadurch am Ende mehr Mitgefühl und Barmherzigkeit gegenüber anderen Menschen entwickelt wird. Der amerikanische Autor Dennis Prager warnt dabei allerdings vor einem gängigen Fehlschluss, weil man dazu neigt, anzunehmen, dass ein Mensch, der Tiere grausam behandelt, sehr wahrscheinlich auch mit Menschen grausam umgeht. Umgekehrt funktioniert es aber nicht. Will heißen: Ein Mensch, der Tiere gut behandelt, ist nicht unbedingt nett zu seinen Mitmenschen.

Wer das nicht glaubt, wird bei einem Blick in die Vergangenheit eines Besseren belehrt. Schließlich gab es nicht wenige Nazis, die ihre Tiere liebten, während sie die Juden hassten. Manche von ihnen belohnten ihre Schäferhunde, weil diese kurz zuvor Menschen zu Tode gebissen hatten. Und sie führten lieber Experimente an Juden durch als an Tieren. Rücksichtnahme und Mitgefühl gegenüber Tieren sind also enorm wichtig. Sofern man diese Tugend allerdings nicht gegenüber seinen Mitmenschen pflegt, sollte man sich darauf nicht allzu viel darauf einbilden. Denn wenn es mal hart auf hart kommt, darf es nicht den geringsten Zweifel geben, wer an erster Stelle steht.

Der Autor ist Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen.

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