15.02.2023

Ein Zeichen der Solidarität

Gießen

Nach der Koran-Verbrennung in Schweden stellen sich Vertreter von Islam, Judentum und Christentum in Gießen hinter das Buch der Muslime und beschwören den interreligiösen Dialog.

Bei allen Unterschieden, die Juden, Christen und Muslime trennen, gibt es eine Gemeinsamkeit, die alle drei Religionen verbindet und die sich sogar in einer gemeinsamen Bezeichnung niederschlägt. Die drei Glaubensgemeinschaften werden als Schriftreligionen bezeichnet, weil alle der Glaube eint, dass sich ihnen der eine Gott in der Thora, der Bibel oder dem Koran offenbart hat. Deshalb war es auch für Dow Aviv von der Jüdischen Gemeinde und Pfarrer Bernd Apel selbstverständlich, zusammen mit Dr. Halit Aydin von der Ditib-Moschee-Gemeinde ein Zeichen der Solidarität und auch des Respekts für den Koran zu setzen, nachdem in der schwedischen Hauptstadt Stockholm Rechtsextremisten das Heilige Buch des Islams öffentlich verbrannt hatten.

Das Gemeinsame betonen

Alle drei engagieren sich schon lange in einer gemeinsamen und in bilateralen Gemeinschaften für den interreligiösen Dialog und wollen das Gemeinsame, nicht das Trennende betonen. Dass als letztes Glied erst kürzlich die Jüdisch-Islamische Gemeinschaft gegründet wurde, war auch dem Umstand geschuldet, dass der Nahostkonflikt seine langen Schatten bis nach Mittelhessen wirft.

Aviv und Aydin räumen freimütig ein, dass es sowohl in der Jüdischen Gemeinde als auch in den vier Moscheevereinen auch Vorbehalte und Ablehnung gegen diese Partnerschaft gab und gibt. Vor diesem Hintergrund fürchtet Aydin, dass diese Stimmen in seinen Gemeinden durch Ereignisse wie in Schweden lauter werden könnten.

»Wir wollen unsere interreligiöse Arbeit hier in Gießen aber nicht durch weltpolitische Vorfälle zerstören lassen«, sagt er, »in dieser Stadt haben wir ein tolles Miteinander. Das ist nicht selbstverständlich; gemeinsam wollen wir gegen Rassismus, Spaltung und Menschenfeindlichkeit vorgehen«. Aydin betont zugleich, dass Muslime in westlichen Gesellschaften lernen und akzeptieren müssten, dass Meinungsfreiheit ein hohes Gut sei, und dass die Duldung von »Aktionen einiger weniger Idioten« noch lange nicht bedeute, dass die Mehrheitsgesellschaft dies auch gut heiße. »Das müssen wir aushalten und das gehört zum Leben nun einmal dazu.«

Im Gespräch mit Aviv und Apel wurde unter anderem daran erinnert, dass zum Beispiel auch die christliche Kirche regelmäßig Ziel von scharfen Angriffen sei. So hatte ein Satire-Magazin kurz nach der Wahl von Benedikt XVI. zum Papst diesen auf ihrem Titelbild mit einer Fotomontage als inkontinenten Greis verspottet.

Ivar Buterfas zu Gast in Moschee

Mitunter hätten solche Angriffe auf eine Religion auch andere Ursachen. So lehne die extreme Rechte in Schweden den derzeit nur noch von der Türkei blockierten Nato-Beitritt des Landes ab. Vieles spreche also dafür, dass diese Koran-Verbrennungen eine gezielte Provokation Erdogans und damit Mittel zum Zweck waren, um ganz andere politische Ziele durchzusetzen. Apel erinnerte daran, dass das Ziel ihrer Zusammenarbeit auch eine Zivilisierung der Unterschiede sei. Und Aviv ergänzt, dass man Differenzen auf fairer Ebene austragen müsse. Aydin unterstreicht wiederum den Wert dieser Zusammenarbeit. »Nur mit diesen Plattformen für den Dialog kann gegenseitiger Respekt entstehen und wachsen. Und jeder sollte sich bewusst sein, dass hier und heute in Gießen jüdische, christliche und muslimische Bürger gemeinsam mit dem Koran ein Zeichen für Frieden und Toleranz setzen wollen.«

Dass diesen Worten auch Taten folgen, zeigt eine Veranstaltung am Donnerstag, 23. Februar, um 19 Uhr im Gebetsraum der Ditib-Moschee in der Marburger Straße 85A. Dann wird dort mit Ivar Buterfas einer der letzten Zeitzeugen des Völkermords an den europäischen Juden unter dem Titel »Erinnern für die Zukunft« aus seinem Leben erzählen. Buterfas will damit auch für aktuelle Radikalisierungstendenzen sensibilisieren und vor der Ausgrenzung Andersdenkender und -gläubiger warnen.

»Damit wollen wir erneut einen Beitrag für eine friedlichere, respektvollere und tolerantere Gesellschaft leisten«, sagt Aydin. Er, Aviv und Apel hoffen, dass möglichst viele Mitglieder aller Gemeinden auch von diesem Angebot Gebrauch machen. Anmelden kann man sich per E-Mail: entweder bei Halit Aydin (halit.aydin@gmx.net) oder bei Bernd Apel (bernd.apel@ekhn.de). Der Eintritt ist frei.

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