13.03.2023

Der Feiertag Purim: Auf das Leben!

Fulda

Purim ist in jeder Hinsicht ein besonderer jüdischer Feiertag, denn er ist einer der ausgelassensten und fröhlichsten. Juden in der ganzen Welt gedenken ihrer Errettung vor ungefähr 2.400 Jahren im Persischen Reich. Die Geschichte hat alles, was eine gute Geschichte ausmacht: einen mächtigen König, seine ebenso kluge wie schöne Frau, einen tapferen Anführer und natürlich einen Bösewicht.

Bevor ich Ihnen mehr über Purim erzähle, das in diesem Jahr am 06./07. März gefeiert wurde, schicke ich vorweg: Dieser Text ist der Auftakt einer Serie über Jüdische Feiertage, die wir von O|N mit der Jüdischen Gemeinde mitfeiern dürfen. Wir wollen Sie Anteil nehmen lassen am Leben unserer jüdischen Gemeinde, Sie eintauchen lassen in die reiche jüdische Kultur. Dafür haben wir in diesem Jahr einen besonders guten Grund: Im September 2023 findet ein großes Fest statt, das eine Woche dauern wird – die Begegnung mit Nachfahren der ehemaligen jüdischen Gemeinde Fuldas. Es ist – nach 1987 – das zweite Treffen dieser Art in Fulda. Die Freude darauf begleitet auch diese Artikelserie.

Der König und seine Frauen

Im persischen Reich herrschte vor 2.400 Jahren König Ahasveros (Xerxes I.). Sein Reich erstreckte sich über 127 Provinzen von Indien bis Äthiopien. Seine Hauptfrau war Washti. Die weigerte sich eines Tages, zu einem Festmahl des Königs zu erscheinen. Aus weiblicher Sicht kann man das als Rebellion gegen das Patriarchat verstehen, aus männlicher Sicht stellte es den König und seine Herrschaft in Frage. Ahasveros war jedenfalls so wütend, dass er Washti verstieß. Die verwaiste Ehefrauen-Stelle musste neu besetzt werden, und der König rief alle schönen Jungfrauen auf, sich ihm zu präsentieren. Unter diesen war auch Esther, die Adoptivtochter Mordechais. Ihre Schönheit und Anmut bezauberten den König so sehr, dass er sie zur Gemahlin nimmt – auf Anraten Mordechais verschweigt sie ihm, dass sie Jüdin ist.
Das Mordkomplott Hamans

Einer der höchsten Regierungsbeamten des Königs war Haman, ein Judenhasser. Der überzeugt den König, die Juden zu vernichten, weil diese mit ihren so ganz anderen Riten und Gesetzen nicht ins persische Reich passen. Der König verkündet daraufhin per königlichem Dekret, dass am 13. Tag des 12. Monats (Adar) die jüdische Bevölkerung samt Kindern vogelfrei sei und vernichtet werden dürfe. Davon erfährt Mordechai und ruft die Juden zum gemeinsamen Gebet. Dann bittet er Esther, sich beim König für ihr Volk zu verwenden. Sie tut das, und der König erkennt, dass Haman ihn hintergangen hat. Er lässt ihn hängen.

Die Sache mit dem königlichen Dekret

Bleibt nur ein Problem: Nicht einmal der König kann ein königliches Dekret zurücknehmen. Esther, Mordechai und der König müssen also zu einer List greifen. Ein zweites königliches Dekret erlaubt den Juden daher, am 13. Tag des 12. Monats für ihr Leben zu kämpfen und ihre Feinde zu töten. In allen Städten versammeln sich die Juden. Im gesamten Reich werden Tausende von Männern getötet, darunter auch die 10 Söhne Hamans. So eingeschüchtert wagt niemand mehr, das erste Dekret zu befolgen. Es gibt also keinen Genozid an den Juden, sondern eine vernichtende Niederlage ihrer Feinde.

Die Feier der Errettung

Der Name Purim kommt vom altpersischen Wort "Pur" – was Losentscheid bedeutet. Denn der Legende nach hatte Haman ein Los-Orakel befragt, welcher Tag besonders günstig für die Ermordung der Juden sei.

Nun kann man sich, wenn man einigermaßen vertraut ist mit der Geschichte des Jüdischen Volkes, natürlich fragen, wieso gerade dieser Tag ein solcher Festtag wurde. Denn Situationen, in denen die Juden in lebensbedrohliche Lagen gerieten, gab es ja mehr als genug. Die Antwort eines klugen Rabbi darauf gefällt mir sehr gut: Es war das allererste Mal, dass die Juden sich gegen ihre Feinde erhoben und siegten. Deshalb die überschäumende Freude an Purim. Alle Vergleiche, die manchmal gemacht werden – Purim sei wie Rosenmontag oder wie Halloween – sind deshalb ziemlich daneben. Letztlich feiern die Juden an diesem Tag, dass sie stolz und standhaft Juden blieben, ihrem Glauben und dem Gott Israels treu.

Die vier Pflichten an Purim

Die wichtigste Purim-Pflicht ist es, zweimal die Lesung aus der Megillat Esther zu hören, am Vorabend des 14. Ardar und am darauffolgenden Purim-Tag. Die Esther-Rolle liegt bereit, der Vorbeter legt den Tallit (Gebetsschal) an. Dann trägt er die Geschichte Esthers auf Hebräisch vor, das dauert ca. 45 Minuten. Für alle, die kein Hebräisch können, liegt sie zweisprachig zum Mitlesen aus. Die Gemeinde – in der orthodoxen Gemeinde Fuldas sitzen Frauen und Männer getrennt – ist beteiligt: Jedes Mal, wenn der Name des gottlosen Haman fällt, wird mit Purim-Rasseln und -Ratschen soviel Krach gemacht, dass sein Name übertönt und so symbolisch ausgelöscht wird. Einmal vermasseln wir in der Gemeinde den Einsatz, was uns einen nicht ganz ernst gemeinten strengen Blick von Roman Melamed, dem Vorbeter, einträgt. Im christlichen Kontext kennen wir diese Ratschen auch – sie werden ab dem Gründonnerstag und bis zum Karsamstag eingesetzt, den Tagen, in denen die Orgel wegen Jesu Tod schweigt und die Glocken nach Rom geflogen sind.

Purim ist besonders das Fest der Gemeinde. Denn im Zentrum dieses Fests stehen Einheit und Freundschaft. Deshalb beschenkt man an Purim andere mit "Mischloach Manot" – essbaren Geschenken. Bedürftigen gibt man ein Geldgeschenk – das sind die zweite und dritte Pflicht an Purim. Die letzte ist das Purim-Festmahl, zu dem man sich mit Freunden niederlässt. An diesem Tag ist es eine "Mizwa", ein Gebot: Man darf trinken, bis man nicht mehr unterscheiden kann zwischen ,Verflucht sei Haman‘ und ,Gesegnet sei Mordechai‘. Es geht aber nicht um ein sinnloses Besäufnis. Mit der Ausgelassenheit und Ekstase dieses Tags zeigen die Juden ihre Fähigkeit, gottgefällig zum Berserker zu werden.

An diesem Tag maskiert man sich, natürlich auch in Fulda. Perücken, verrückte Hüte, bunte Kostüme, Luftschlangen, sogar Hüte mit Schläfenlocken sind zu sehen und tragen zur Fröhlichkeit bei. Die Maskerade an Purim kann man in mancherlei Sicht deuten. Die Juden befolgten die religiösen Rituale der Perser dem äußeren Schein nach, blieben aber in Wahrheit immer dem Gott Israels treu. Die Maskerade weist auch darauf hin, dass Gott bei der Errettung der Juden seine Hand im Spiel hatte, sein Einfluss aber nicht unmittelbar erkennbar war.

L'Chaim – auf das Leben!

Beim Festmahl gab es an liebevoll dekorierten Tischen (keine macht es schöner als Bella Gusman) koschere Speisen, Wein und Saft, der Dank für sicher sehr viel Arbeit in der Küche geht an Inessa Benea und Valeriy Mashinets, die von Gemeindediener Vasiliy Divotchenko unterstützt wurden. Natürlich fehlten auch die mit Mohn gefüllten, dreieckigen Hamantaschen nicht. In der jüdischen Gemeinde Fuldas füllt man sie auch mit Apfelmus oder Schokocreme – sehr, sehr lecker!

Und dann hieß es "L’Chaim" – auf das Leben, das schwierigste und schönste Geschenk, das jede und jeder von uns erhalten hat. Bei guten Gesprächen und leckerem Essen wurde gefeiert. Mit dem Purimspiel "Mis‘chak Purim" und Purimliedern auf russisch und jiddisch klang die fröhliche Feier aus. Die Lieder "Ani Purim" (Ich bin Purim), "Mische Nischnas Adar" (Wenn Adar kommt) oder das jiddische Lied auf die viel zu teure Miete sangen alle ausgelassen mit Sängerin Jana Tegel mit. So innerlich und äußerlich gestärkt können wir nun getrost dem Rest der Woche entgegenblicken – Purim Sameach – Fröhliches Purim!

Heute ist der

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