Integration als Lebensziel

Mark Dainow hat als „Innenminister“ der Jüdischen Gemeinde Offenbach deren weitere Öffnung zur Stadt hin im Blick.

Es ist Mark Dainow nicht in die Wiege gelegt worden, dass er einmal zu den Vorstandsmitgliedern der Jüdischen Gemeinde Offenbach gehören würde. 1971 bestand er in Moskau sein Diplom als Ingenieur für Maschinenbau, 1973 kam er nach Deutschland.

Anfangs wohnt Dainow in Frankfurt und arbeitet in einem Offenbacher Konstruktionsbüro. Er bearbeitet Aufträge für verschiedene Firmen, unter anderem für KWU, Degussa und Philipp Holzmann. Ab Mai 1976 geht er in das technische Entwicklungszentrum zu Opel in Rüsselsheim, wo er unter anderem an der Entwicklung des Kadett mit Frontantrieb, des Rekord und des Ascona beteiligt ist. 1981 zieht er nach Offenbach.

„Meine Tochter wurde 1979 in Wiesbaden geboren“, berichtet er und ergänzt stolz: „Mein Sohn ist aber ein echter Offenbacher!“ Der zierliche Mann fühlt sich in der hiesigen Gemeinde sichtlich wohl. „Eigentlich war Max Willner schuld, dass wir damals nach Offenbach zogen.“ Der Ehrenbürger der Stadt Offenbach war mit dem Schwiegervater Dainows fünf Jahre in mehreren Konzentrationslagern, darunter in Auschwitz. Die Familie seiner Frau hatte sich in Wiesbaden niedergelassen, und Dainow fuhr gern von Frankfurt dorthin. „Es gab in Wiesbaden eine sehr aktive jüdische Jugendgruppe“, erinnert er sich. Und dort lernte er auch seine Frau kennen.

Inzwischen ist Dainow mehrfach in den Vorstand der Jüdischen Gemeinde gewählt worden. Er ist als stellvertretender Vorsitzender der „Innenminister“, kümmert sich um Verwaltungsangelegenheiten und Organisatorisches. Die Gemeinde ist inzwischen auf mehr als 1000 Mitglieder gewachsen, und damit sind auch die Aufgaben für die Mitarbeiter mehr geworden.

Im Februar ist Dainow ins Präsidium des Zentralrats der Juden in Deutschland aufgerückt. Seine Aufgabe dort sieht er in der Vermittlung jüdischer Traditionen an die Zuwanderer.

Dazu konnte er genügend Erfahrungen in Offenbach sammeln. „Jedes Mal, wenn die Situation in den Ostblockstaaten für Juden gefährlich wurde, hatten wir eine neue Zuwanderungswelle.“ So sind zum Beispiel viele aus Ungarn nach dem fehlgeschlagenen Aufstand 1953 in die Bundesrepublik gekommen. Ähnlich war es nach dem Prager Frühling 1968 und der Besetzung der Tschechoslowakei durch die Armeen der „Bruderstaaten“ – damals kamen tschechische Juden nach Deutschland. Die russische Zuwanderung begann dagegen erst im Zuge der Perestroika Ende der 80er Jahre.

Insgesamt gibt es zurzeit 102 jüdische Gemeinden in Deutschland mit etwa 120 000 Mitgliedern. „Zuwanderung war für uns eine gewaltige Herausforderung“, erinnert sich Mark Dainow. „Da kamen Menschen, die zwar als Juden im Pass gekennzeichnet waren, aber 70 Jahre lang ihre Religion nicht ausgeübt hatten.“

Bei der Reintegration helfen der Rabbiner Menachem Mendel Gurewitz und der Religionslehrer Benni Pollack. Sie kümmern sich um Kenntnis der jüdischen Religion bei den jüngeren Mitgliedern der Gemeinde und den Neuankömmlingen.

Dainow ist bei seinem nicht immer einfachen Lebensweg ein Beispiel für gelungene Integration. Heute wird er 65 Jahre alt. Für die Zukunft wünscht er sich eine weitere Öffnung der Gemeinde zur Stadt Offenbach hin. „Wichtig ist der respektvolle Umgang miteinander.“

Die Mitarbeit im Kompetenzzentrum – dem „Modellprojekt Bekämpfung der Arbeitslosigkeit durch Aufbau eines Selbsthilfezentrums für russische Aussiedler und jüdische Zuwanderer“ in Zusammenarbeit mit der Mainarbeit – sind solche pragmatischen Schritte. Und nicht zuletzt Mark Dainows Bereitschaft, im Beirat der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit mitzuarbeiten. Ein Wirken zum Wohl der Stadt.

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(Bildquelle: Offenbach Post)

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10. Av 5778 - 22. Juli 2018