32-Jähriger setzt Gießener Synagoge in Brand
Nachdem er am Dienstagabend einen Brand vor der Synagoge der Jüdischen Gemeinde Gießen im Burggraben gelegt haben soll, ist noch am selben Abend ein 32-jähriger deutscher Staatsangehöriger wegen des dringenden Tatverdachts der schweren Brandstiftung sowie des Verwendens verfassungswidriger Kennzeichen festgenommen worden. Das teilten die Polizei und die Staatsanwaltschaft am frühen Mittwochabend mit.
Nach der Tat den „Hitlergruß“ gezeigt
Dem Beschuldigten wird nach derzeitigem Erkenntnisstand vorgeworfen, zunächst mehrere auf der Straße befindliche und mit Pappe und Altpapier befüllte Rollcontainer in den Eingangsbereich der Synagoge geschoben und das darin befindliche Papier sowie die Container in Brand gesetzt zu haben. Das zeigen die Überwachungskameras der Synagoge. Überdies wird dem Beschuldigten vorgeworfen, im Zuge dessen den sogenannten Hitlergruß in Richtung der Synagoge gezeigt zu haben. Auch das ist auf einem Video der zahlreichen Überwachungskameras zu sehen, mit denen das Gebäude gesichert wird. Aufgrund des zügigen Einschreitens eines Passanten konnte der Brand schnell gelöscht und ein Ausbreiten der Flammen auf das vorgelagerte Wohngebäude sowie die dahinterliegende Synagoge verhindert werden. Ein weiterer Zeuge sprach den Mann an und hielt ihn, zusammen mit einem anderen Zeugen, bis zum Eintreffen der Polizei vor Ort fest.
Im Zuge des Brandes entstand sowohl im Eingangsbereich der Synagoge, als auch am Gebäude selbst Sachschaden in bislang unbekannter Höhe. Die Flammen schlugen bis zum ersten Stock des derzeit von einem Hausmeisterehepaar und zehn Studenten bewohnten Nebengebäudes, das zum Synagogenkomplex gehört, und beschädigten dort einen Jalousienkasten. Zudem ist der Putz des Gebäudes durch Löschwasser in Mitleidenschaft gezogen worden.
Im Rahmen der Ermittlungen haben sich Hinweise auf eine psychische Erkrankung des Tatverdächtigen ergeben, hieß es in der Pressemitteilung weiter. Der Täter habe sich in einem psychischen Ausnahmezustand befunden. Inwiefern dem Tatgeschehen eine gezielte politische Motivation zugrunde lag, ist Gegenstand der weiteren Ermittlungen. Der Tatverdächtige, der nach dem Entzünden des Feuers selbst als Erster einen Notruf abgesetzt hatte, wurde auf Antrag der Staatsanwaltschaft Gießen am Mittwochnachmittag der zuständigen Haftrichterin des Amtsgerichts Gießen vorgeführt. Diese ordnete die vorläufige Unterbringung des Beschuldigten in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Aufgrund der laufenden Ermittlungen können derzeit keine weiteren Auskünfte erteilt werden, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft abschließend mit.
Laut dem Anzeiger vorliegenden Informationen soll der Tatverdächtige keinen Wohnsitz in Hessen haben. Die mit Altpapier gefüllten Rollcontainer stehen seit Jahren regelmäßig vor dem Firmengebäude auf der anderen Seite des schmalen Burggrabens. Erst vor rund einem Jahr waren sie schon einmal in Brand gesetzt worden, damals allerdings vor dem Firmengebäude und nicht vor der Synagoge. Spätestens nach dem Angriff auf die Synagoge stellt sich die Frage, inwieweit dieses Risiko noch in Zukunft zu verantworten ist.
Welle des Antisemitismus
Am Mittwochnachmittag machten sich Gießens Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher und der Präsident des Polizeipräsidiums Mittelhessen, Torsten Krückemeier, vor Ort ein eigenes Bild von der Lage und kündigten für den heutigen Donnerstag eine gemeinsame Stellungnahme an.
„Diese Sache ist schlimm, ganz egal, wer dahintersteckt“, betonte der Gemeindevorsitzende Dow Aviv auf Anfrage: „Das ist eine Bestätigung der immer stärker anschwellenden Welle des Antisemitismus in diesem Land, ganz egal, ob diese von rechts, links oder islamistischen Kreisen genährt wird. Und dieser Welle fühlt sich unsere Gemeinde schutzlos ausgeliefert.“