Nach Angriff auf Synagoge: Stadt und Polizei sichern Schutz zu
Nach dem Versuch der schweren Brandstiftung vor der Synagoge im Burggraben hat die Jüdische Gemeinde Gießen viel Solidarität erfahren. Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher, Polizeipräsident Torsten Krückemeier und die Leiterin der mittelhessischen Abteilung Einsatz, Carina Lerch, trafen sich unmittelbar mit dem Vorsitzenden Dow Aviv zum Informationsaustausch – aber insbesondere, um ihre „enge Verbundenheit“ auszudrücken. Die Junge Union (JU) und die Frauen Union (FU) aus Gießen reagierten ebenfalls erschüttert und verurteilten den Vorfall auf das Schärfste. „Auch wenn Schlimmeres vereitelt werden konnte, handelt es sich um eine äußerst besorgniserregende Tat, die nicht verharmlost werden darf“, so der JU-Kreisverband in einer Pressemitteilung. Der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker sprach gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) sogar von einer „wachsenden Pogromstimmung“ gegen jüdisches Leben in Deutschland. Unabhängig davon, ob der Täter psychisch stabil oder krank sei, geschehe diese Tat „in einem antisemitisch vergifteten Klima“, das sich immer weiter verschlechtere.
„Angst und Verzweiflung“
Ein 32-jähriger Deutscher hatte am Dienstagabend mehrere mit Pappe und Altpapier gefüllte Rollcontainer in den Eingangsbereich der Synagoge geschoben und angezündet. Zudem soll er den verbotenen Hitlergruß in Richtung des Gotteshauses gezeigt haben, was auf den Überwachungskameras zu sehen ist. Mehrere Zeugen griffen ein, verhinderten ein Ausbreiten der Flammen und hielten den Mann fest, bis die Polizei vor Ort war. Der Verdächtige wurde vorläufig in einer Psychiatrie untergebracht. Erste Ermittlungen hätten „Hinweise auf eine psychische Erkrankung“ des Mannes ergeben, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft am Mittwoch mit. Ob seinem Verhalten eine „gezielte politische Motivation zugrunde lag“, wird noch untersucht.
„Es ist schwer, sich die Angst und die Verzweiflung vorzustellen, die so ein Angriff auf unsere Synagoge bei den Bewohnern des Hauses ausgelöst hat. Der Schreck und die Vorstellung, was noch passieren könnte, sitzen immer noch tief. Seit dem 7. Oktober 2023 war die Angst vor einem Anschlag bei uns in der Jüdischen Gemeinde stets präsent. Gott sei Dank entstand nur Sachschaden“, betonte Dow Aviv in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit der Stadt Gießen und dem Polizeipräsidium Mittelhessen. Zugleich bedankte er sich bei denjenigen, „die Zivilcourage bewiesen und den Täter von der Flucht abhielten“, ferner bei der Polizei, der Feuerwehr und den Sicherheitskräften für ihren Einsatz, sowie beim Oberbürgermeister und seinen Mitarbeitern „für die Anteilnahme und die zugesicherte unbürokratische Hilfe“.
Torsten Krückemeier erinnerte an „viele gemeinsame Treffen, Projekte und Gespräche“ mit der Jüdischen Gemeinde. Ungeachtet dessen habe die Polizei den Auftrag, die Grundrechtsausübung zu gewährleisten; darunter fällt auch die Religionsfreiheit. „Wir tun alles, um einen bestmöglichen Schutz der Jüdischen Gemeinde sicherzustellen“, versicherte der Polizeipräsident. Und fügte hinzu: „Der Vorfall untermauert umso mehr, wie wichtig es ist, in die Stärkung unserer Demokratie zu investieren.“ Mit Hoffnung habe ihn erfüllt, dass Zeugen einschritten und der Polizei die schnelle Festnahme ermöglichten.
„Jüdisches Leben gehört zu Gießen“
„In solchen Momenten, in denen der Schock über das Geschehen und das Gefühl der Verwundbarkeit besonders die Mitglieder in der Jüdischen Gemeinde in Schrecken versetzt hat, ist eines besonders wichtig: Wir als Stadtgesellschaft wollen zeigen, dass wir beieinanderstehen. Ich sage deshalb sehr klar: Wir stehen an eurer Seite, ihr seid nicht allein“, ergänzte Frank-Tilo Becher. Dass erneut Unbeteiligte wachsam waren, verdeutliche, „dass in dieser Stadt Beherztheit statt Gleichgültigkeit herrscht und wir diesem Schrecken nicht völlig hilflos ausgeliefert sind“. Gleichwohl gelte es, immer wieder kritisch zu hinterfragen, „ob es angesichts der weltweiten zunehmenden Anfeindungen gegenüber jüdischen Gemeinden weitere Schutzmaßnahmen auch vor Ort braucht“. Dazu bleibe man in engem Austausch.
Die JU Gießen forderte eine schnelle, vollständige und transparente Aufklärung und appellierte gleichzeitig an Politik, Sicherheitsbehörden und Zivilgesellschaft, „den Schutz jüdischer Einrichtungen weiterhin ernst zu nehmen und entschlossen gegen jede Form von Antisemitismus vorzugehen“. Die Synagoge sei ein zentraler Ort jüdischen Lebens, des Glaubens und der Gemeinschaft. Und man werde „nicht zulassen, dass Hass, Einschüchterung oder Gewalt unser Zusammenleben vergiften“. Die FU-Vorsitzende Gerlind Bursik erklärte darüber hinaus: „Jüdisches Leben gehört zu Gießen. Angriffe auf jüdische Einrichtungen oder antisemitische Handlungen sind Angriffe auf unsere Werte und auf das friedliche Zusammenleben in unserer Gesellschaft.“ Den mutigen Passanten zollte auch die Gießener Landtagsabgeordnete Michelle Kraft „großen Respekt“. Jüdisches Leben zu schützen, sei eine dauerhafte Aufgabe von Politik und Gesellschaft, so die Christdemokratin. „Wir müssen klar Haltung zeigen: sachlich, entschlossen und gemeinsam.“
Für Dow Aviv und die Jüdische Gemeinde steht jedenfalls fest: „Wir werden unsere Rechte, hier in Frieden und mit Freude zu leben, nicht aufgeben, und wir lassen uns nicht einschüchtern.“ Obendrein stellt der Vorsitzende unmissverständlich klar, dass Antisemitismus kein Problem der Juden sei. „Es ist ein Problem der Gesamtgesellschaft. Ein Angriff auf Juden ist ein Angriff auf unsere Demokratie. Ich wünsche mir Solidarität mit Juden, die das Recht haben, hier und jetzt angstfrei zu leben.“