Dow Aviv saß im Krieg fest: „Man hat Angst ums Leben"
Der 7. Oktober 2023. Für Israel sei das der schlimmste Tag seit der Shoah, seit dem Völkermord der Nazis an den Juden, sagt Dow Aviv, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Gießen. Es war der Tag des Terrorangriffs der Hamas mit rund 1200 Toten in Israel. Etwa 280 Menschen starben in dem Kibbuz Be‘eri nur vier Kilometer entfernt vom Gaza-Streifen, von den Terroristen erschossen, ihre Gebäude teilweise niedergebrannt.
Die jüdische Gemeinde Gießen hatte Spenden für den Wiederaufbau des Kibbuz gesammelt, unter anderem mit einem Benefizkonzert. Insgesamt 15.000 Euro kamen dabei zusammen. Dow Aviv wollte das Geld persönlich übergeben, eigentlich schon Ende 2024. Aber wegen des Kriegs im Gaza-Streifen habe der Termin immer wieder verschoben werden müssen.
Am 23. Februar dieses Jahres reiste er schließlich nach Israel, verknüpfte die Spendenübergabe mit einem Familienurlaub und mit dem Besuch von Freunden in seinem Geburtsland. Er berichtet von dem Kibbuz. Bis zum 7. Oktober hätten dort 1200 Menschen gelebt, sie hätten dort eine große Druckerei gehabt, Landwirtschaft und kleine Industriezweige. Nun hingen dort Gedenktafeln mit den Geschichten der ermordeten Bewohner. „Bei uns Juden ist es so: Man vergisst die Toten nicht.“ Deshalb würden auf jüdischen Friedhöfen die Gräber auch nicht weggemacht. Dow Aviv will von seinen Eindrücken erzählen. „Das war ...“ Er pausiert, sucht nach Worten. „... wie soll ich das beschreiben?“ Er setzt neu an: „Du kannst nur heulen.“
Zwei Wochen wollten Dow Aviv und seine Frau in Israel bleiben. Daraus wurden vier. Denn nur wenige Tage nach seiner Ankunft begann Israel den Krieg gegen den Iran, es folgten wiederum iranische Raketenangriffe auf Israel und der Flugverkehr wurde eingeschränkt. Dreimal wurden geplante Heimflüge des Gießeners gestrichen.
Dow Aviv war zunächst in einer Unterkunft am Toten Meer, später in Tel Aviv. „Wir haben keine Nacht durchgeschlafen.“ Zwei bis siebenmal pro Nacht Handy-Alarm. Sobald im Iran Raketen in Richtung Israel gestartet seien, hätten Satelliten gewarnt. Wenn die Sirenen heulten, blieben noch fünf bis acht Minuten bis zum Einschlag, fünf bis acht Minuten, um sich in Schutzräumen in Sicherheit zu bringen. „80 Prozent der Wohnungen in Israel haben Schutzräume, sie wurden von der Regierung gefördert“, berichtet Aviv.
Gießener Dow Aviv: „Man hat Angst um sein Leben. Im Schutzraum zittert alles“
Er erzählt, wie er sich gefühlt hat: „Man hat Angst um sein Leben. Im Schutzraum zittert alles. Trotz der Isolierung hört man den ohrenbetäubenden Knall.“ Zwar würden die meisten Raketen bereits in der Luft vom israelischen Abwehrsystem „Iron Dome“ abgeschossen, aber wenn eine Rakete mit 500 bis 700 Kilo Sprengstoff explodiere, zerstöre auch die Wucht umherfliegender Trümmerteile noch Gebäude. Tags darauf habe er die kaputten Häuser in Tel Aviv sehen können.
Wie ist der Alltag der Menschen in Israel? „Es gibt keinen Alltag“, sagt Dow Aviv. Der Zivilschutz habe Menschenansammlungen verboten. Restaurants hätten nur so viele Stühle gestellt, wie sie auch Plätze in ihren Schutzräumen anbieten konnten. Die Strandpromenade in Tel Aviv sei leer gewesen, die meisten Menschen blieben sicherheitshalber zu Hause. Kinos, Theater, Läden – „alle leer“.
Als wenig später auch die Raketenangriffe der Hisbollah aus dem Nachbarland Libanon folgten, habe man nicht mal mehr fünf Minuten Zeit für den Schutz gehabt, sondern nur noch zwei Minuten. „Wenn wir mit dem Auto unterwegs waren und hörten den Handy-Alarm, haben wir den Wagen sofort abgestellt, sind zur Seite gerannt, haben uns flach auf den Erdboden gelegt und abgewartet.“
Die Wahrnehmung des Gießeners: Trotz dieser Gefahr stehe die Bevölkerung hinter den israelischen Angriffen, zunächst gegen die palästinensische Hamas im Gazastreifen, dann auch gegen den Iran und die libanesische Hisbollah. Der 7. Oktober sei traumatisch gewesen, er sei ständiges Gesprächsthema, immer verbunden mit der Frage: Hat die Hamas, die Terrororganisation, noch Waffen? Die Menschen in Israel wollten endlich aufatmen können, Ruhe haben, nicht ständig Angst vor Angriffen und Bedrohung. Deshalb befürworteten sie die Zerstörung der Hamas und der Hisbollah sowie den Krieg gegen den Iran, den Unterstützer der Hisbollah.
Dow Aviv sagt: Was den Krieg angehe, da unterstütze die Mehrheit der Bevölkerung ihre Regierung um Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Viele Israelis seien auch dem US-Präsidenten Donald Trump dankbar, weil er sich für die Freilassung der Geiseln aus der Gewalt der Hamas eingesetzt und weil er sich am Krieg gegen den Iran beteiligt habe.
In europäischen Staaten werden Israels Angriffe, besonders der Krieg im Gazastreifen, kritischer gesehen, es gab auch pro-palästinensische Demos. Der internationale Strafgerichtshof hat einen Haftbefehl gegen Netanjahu erlassen, Begründung: Kriegsverbrechen. Was denken Menschen in Israel darüber? Dow Aviv berichtet: „Menschen in Israel sagen: Ihr habt gut reden. Kommt mal hierher und lebt hier für zwei Monate.“ Und er stellt auch klar: Die Israelis unterstützten zwar die von ihrer Regierung geführten Kriege, aber nicht zwangsläufig die Regierung selbst. „Die größte Kritik an der israelischen Regierung kommt aus Israel.“