Jüdische Gemeinde Darmstadt blüht unter der neuen Kuppel

Am Sonntag, 11. November 2018, wird in einer Feierstunde in der Neuen Synagoge in Darmstadt an die Einweihung vor genau 30 Jahren erinnert.

Volle Hütte in der Jüdischen Gemeinde. Dicht gedrängt stehen die Gäste, Juden und Nichtjuden, unter dem provisorischen Dach im Garten der Synagoge. Sie lauschen den Worten von Rabbiner Jehoshua Ahrens, der die Rituale des herbstlichen Laubhüttenfestes erläutert. Dass es etwas anderes ist ein fröhlicher Erntedank. Dass die mit Ästen, Stroh oder Laub gedeckte Hütte unter freiem Himmel stehen muss. Dass das Ganze an die Wanderung der Israeliten durch die Wüste erinnern soll. Mittendrin Daniel Neumann, der junge Kopf der Gemeinde, der sich über das Gedränge sichtlich freut. Vielleicht auch darüber, dass ausgerechnet das Fest, in dem die Gemeinde an das Unbehauste der Kinder Israels zurückdenkt, so viel Interesse erfährt.

Die Gemeinde wächst und blüht seit der Eröffnung

Nicht lange her, dass den hiesigen Juden ein ordentliches Bethaus fehlte. Am 9. November 1988 weihte die Gemeinde ihre Neue Synagoge ein. Genau 50 Jahre nach der Pogromnacht, in der auch die Darmstädter ihre Synagogen angezündet hatten.

Neumanns Vater Moritz war eine der treibenden Kräfte beim Neubau gewesen. Keine zugige Hütte auf Zeit sollte es sein, sondern ein moderner Kirchenpalast, an markanter Stelle in der Innenstadt errichtet, unweit der wuchtigen katholischen Kirche St. Ludwig. Eine starke Geste der Selbstbehauptung. Seither prosperiert die Gemeinde. Wenn am Sonntag, 11. November, das Jubiläum des 30-jährigen Bestehens begangen wird, dann feiert man auch die erneute Verwurzelung der Juden in Darmstadt. "Die Hoffnungen", sagt Daniel Neumann, "die man mit diesem Haus verbunden hatte, haben sich erfüllt." Trotz der Skepsis, die gerade Juden diesem Vorhaben entgegengebracht hatten.

Eine neue Synagoge? Zehneinhalb Millionen Mark teuer? Ja, wozu braucht ihr sowas denn? Das fragte eine jüdische Besucherin Moritz Neumann beim Besuch in Darmstadt. Das war Mitte der 80er Jahre, die Gemeinde zählte gerade mal 130 Häupter. Typische Frage für eine Jüdin, die sich für ein Leben außerhalb Deutschlands entschieden hatte, fand Gemeindevorsteher Neumann. Seine Antwort: "Gerade deshalb, damit jüdisches Leben in Deutschland eine Zukunft hat."

Freilich: Auch Neumann fand die Frage damals berechtigt. Jüdisches Leben, erklärte er noch 1987 bei einer Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht, sei "so schwach wie ein eben frisch Operierter beim Rundgang ums Krankenbett". Die Diagnose fällt heute freundlicher aus. Sein Sohn Daniel, der die Arbeit seines inzwischen verstorbenen Vaters vor zwei Jahren übernommen hat, sagt im Gespräch in seinem Büro in der Synagoge: "Die meisten OP-Wunden sind sicher verheilt, aber längst nicht alle."

Schmerzlich bleibe jederzeit der Verlust an Menschen, die von den Nazi-Schergen umgebracht wurden. Schmerzlich auch der Verlust an Wissen, das mit ihnen verloren ging. Erholt habe sich aber der Zustand der kleinen Gemeinde. Rund 630 Mitglieder zählen heute dazu. Die Synagoge in Darmstadt stand noch kein Jahr, da fiel die Mauer, und mit ihr der Eiserne Vorhang. Tausende Juden aus Osteuropa strömten nach Deutschland. "Ein kleines Wunder", sagt Neumann. Es half, die große Synagoge gut zu füllen. Das Bethaus ist heute so belebt wie die Räume der angrenzenden Gemeinde, wo Schach gespielt wird, die Tora studiert und musiziert. Auf solche Wunder müsse man ab und zu eben hoffen, "und wir sind ein hoffnungsfrohes Volk", sagt Neumann und lächelt, Zuversicht im Blick.

Fragen nach Sinn und Größe der Synagoge hört Neumann heute nicht mehr. "Die Skepsis hat sich gewandelt", sagt er. Das Haus stehe heute als Bekenntnis, bleiben zu wollen - gerade im Land der Täter. Nicht mehr "auf gepackten Koffern" sitzen, wie viele Juden der direkten Nachkriegsgeneration, für die eine Ausreise nach Israel, in die USA oder ins europäische Ausland immer eine Option gewesen sei. Vom beengten Provisorium der Gemeinde in der Osannstraße, das er selbst als Kind erlebte, ist die Gemeinde heute denkbar weit entfernt. Die Juden in Darmstadt haben sich mit der Neuen Synagoge dauerhaft in Darmstadt eingerichtet. "Der deutlichste Ausdruck dafür ist doch, dass man ein Haus baut, Stein auf Stein."

Und doch ist es nicht ganz so geworden, wie es sich die Erbauer 1988 wünschten. Ein offenes Haus der Versammlung sollte es sein, eben "ein Bethaus für alle Völker", sagt Daniel Neumann - so verspricht es auch der hebräische Text über dem Portal der Synagoge. Auf den Schwarz-Weiß-Fotos von damals sieht man die helle, weitgespannte Fassade an der Wilhelm-Glässing-Straße mit den markanten Glaskuppeln, davor die Gäste der Einweihungsfeier, die durch die offenen Türen spazieren. Kurze Zeit später wurde davor auf breiter Front ein stählerner Zaun gesetzt. Die Tore öffnen sich seither nur, wenn vom Sicherheitspersonal das Okay kommt. Die Gemeinde, sagt Neumann mit bedauerndem Tonfall, habe sich den Forderungen der Sicherheitsbehörden fügen müssen. So ist es bis heute.

Junge Besucher tanzen zu den Shtetl-Beats von DJ Yuriy

Offenes Haus, das ist etwas für besondere Tage. Dutzende Darmstädter kamen zum Laubhüttenfest. Rund 250 bestaunten beim "Tag der Offenen Tür" die bunte Pracht der Synagoge. Viele junge Erwachsene tanzten in der "Galerie Kurzweil" zu den "Shtetl-Beats" von DJ Yuriy Gurzhy - die ersten "Jüdischen Kulturtage" in diesem Jahr laden bewusst auch an Orte jenseits des Synagogenzauns ein. Doch wenn am Sonntag geladene Gäste ins Bethaus an der Wilhelm-Glässing-Straße kommen, um das Jubiläum zu feiern, wird das Fest wieder unter Polizeischutz stehen.

Es sei eben "immer eine abstrakte Gefährdungslage vorhanden", so die Einschätzung der Behörden. Wie verwundbar Gemeinden seien, habe man gerade bei dem Massaker in Pittsburgh gesehen, sagt Daniel Neumann. Ein offenes Haus ohne große Sicherheitsanlagen. Das Risiko wollen die Darmstädter nicht eingehen. Können es nicht. "Ohne Zaun", sagt Neumann, "geht es hier nicht." Ja, der Gemeindekörper gesundet zunehmend. "Aber auch neue Narben entstehen."

Heute ist der

10. Tevet 5779 - 18. Dezember 2018