11.04.2019

Ein beeindruckendes Plädoyer für Zivilcourage in bewegten Zeiten: „Gespräche zum jüdischen Fulda“

Fulda

Daniel Neumann, der Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, hatte sich wahrlich ein weitgestecktes und facettenreiches Thema gewählt.

Im Rahmen der Gesprächsreihe „Unbekannte Nachbarn- Gespräche zum jüdischen Fulda“, die nunmehr bereits zum dritten Male von Ingeborg Kropp-Arend, der Stadt Fulda und dem Fuldaer Geschichtsverein organisiert im ehemaligen Wohnhaus des Oberrabbiners Dr. Cahn in Fulda stattfand, sprach er zur „Geschichte und Entwicklung der Jüdischen Gemeinden in Hessen nach 1945“. Schließlich vollzog sich diese Entwicklung auf der Folie von über 70 Jahren deutscher Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg und der industriellen Ermordung vieler Millionen Menschen jüdischen Glaubens.

Neumann konzentrierte sich bei seinem Vortrag auf vier Schwerpunkte: Zunächst die unmittelbare Nachkriegszeit, in der diejenigen, die in Deutschland überlebt hatten, und displaced persons, vor allem aus Osteuropa, in Lager und Camps untergebracht wurden und dort trotz der Verbrechen und der Leiden eine fast schon unglaubliche Kraft, Zuversicht und Hoffnung auf die Zukunft entwickelten – und zwar in Deutschland, im Land der Täter. Die nächste Phase der Entwicklung markiert für Neumann die Politisierung der jüdischen Gemeinden in der Nach-68er-Zeit, zum Beispiel mit der US-Serie "Holocaust" und dem öffentlichen Widerstand gegen Antisemitismus-Tendenzen. Mit dem Zuzug von einigen Hunderttausend Juden aus den ehemaligen Sowjetrepubliken Anfang der 1990er Jahre erhielten die jüdischen Gemeinden in Hessen und auch deutschlandweit wichtige Impulse. Die Zahl der Gemeindemitglieder verzehnfachte sich vielerorts quasi über Nacht. Neumann verdeutlichte, dass dies nicht ohne Konflikte und Brüche in den Gemeinden vonstattenging, aber ohne den Zuzug aus Osteuropa hätten viele Gemeinden keine Zukunft gehabt und wären schon ausgestorben. Und heute - angesichts sich zuspitzender, sich radikalisierender politischer Positionen und einem neuen spürbaren Antisemitismus?

Alle Untersuchungen zeigen, dass rund 25 Prozent unserer deutschen Gesellschaft antisemitisch, fremdenfeindlich oder für solche Positionen empfänglich sind, so Daniel Neumann. Das beunruhigt und verunsichert. Dagegen gibt es nach seiner Überzeugung nur ein wirksames Rezept: Zivilcourage und Rückgrat zeigen in bewegten Zeiten. Denn Fremdenfeindlichkeit trifft nicht nur die Juden in Deutschland, sondern grenzt alle Menschen aus, die „anders sind“. Und das ist eine Gefahr für viele Landanhaltender Applaus zeigte die Begeisterung des Publikums für einen sehr beeindruckenden Vortrag.

Die anschließende Diskussionsrunde, die vom Fuldaer Kulturamtsleiter Dr. Thomas Heiler moderiert wurde, konnte die angerissenen Themen noch einmal vertiefen. Dabei interessierten auch die Fragen nach der aktuellen Sicherheitslage. Wenn im Libanon bei verdächtigen Personen detaillierte Baupläne der Darmstädter Synagoge gefunden werden, so beunruhige das, berichtete Daniel Neumann.

Fuldas Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld und der Vorsitzende des Fuldaer Geschichtsvereins, Oberbürgermeister a.D. Gerhard Möller, dankten in ihrem Grußwort insbesondere Ingeborg Kropp-Arend, für ihr Engagement, ihr Haus für die Vortragsreihe zu öffnen. Insbesondere im Jubiläumsjahr 2019 sei es wichtig, an die Jahrhundertelange Geschichte der Juden in Fulda zu erinnern. Die Vorbereitungen für die Veranstaltung im kommenden Jahr 2020 haben bereits begonnen.

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