Jüdisches Leben in Hessen: „Wir verlieren das Vertrauen in unsere Mitmenschen“
Vor dem Gespräch kommt die Sicherheit. Wer Daniel Neumann in seinem Büro im Frankfurter Nordend besuchen will, muss eine entsprechende Schleuse und einen Wachmann passieren. Für Neumann ist das Alltag. Ein Grund mehr, über die Lage der jüdischen Gemeinschaft zu sprechen.
Herr Neumann, wie geht es Ihnen?
Durchwachsen. Wir sind als jüdische Gemeinschaft stark unter Druck. Wir haben unter dem massiv gestiegenen Antisemitismus zu leiden, wir haben mit der politischen Unsicherheit und dem Zuwachs der extremen Ränder zu tun. Wir wissen nicht, ob Deutschland uns und unseren Kindern eine sichere Zukunft bieten kann.
Von Unsicherheit hört man derzeit oft, wenn man mit Jüdinnen und Juden spricht. Hängt das noch mit dem 7. Oktober 2023 zusammen?
Definitiv. Der 7. Oktober hat mit Juden auf der ganzen Welt nicht nur deshalb etwas gemacht, weil sie sich mit Israel verbunden fühlen. Sondern wir haben wieder das Gefühl von Schutzlosigkeit und Entsolidarisierung empfunden. Und diese Erfahrung steht im absoluten Widerspruch zu allen Beteuerungen, wenn es hieß: Nie wieder, wir lassen euch nicht allein, wir lassen Antisemitismus nicht wieder zu. Denn wir haben zwar Solidarität aus der Politik gesehen, aber in der Breite der Gesellschaft vor allem Kälte. Die Zivilgesellschaft war erkennbar nicht in der Lage, bei dem schwersten Massaker an Juden seit dem Zweiten Weltkrieg mit einem klaren moralischen Kompass zu reagieren. Und das gilt selbst oder gerade für Gruppen, mit denen wir immer wieder auf die Straße gegangen sind: von Rassismus betroffene Menschen, Queers, die Umweltbewegung, soziale Bewegungen.
Hält dieses Gefühl der Entsolidarisierung bis heute an?
Es ist eher noch schlimmer geworden, weil die Situation sich seit dem Verteidigungskrieg Israels in Gaza deutlich beschleunigt hat. Es gab eine Fixierung auf Israel als Weltbösewicht, und man hat uns als Juden in Mithaftung genommen. Gerade im Kulturbetrieb, gerade in der progressiven Linken haben wir eine Dynamik in dieser Entwicklung erlebt, die ich mir nicht hätte vorstellen können.
Die Beobachtungsstelle Rias hat in Hessen 2024 eine Steigerung antisemitischer Vorfälle um 75 Prozent gezählt. Deckt sich das mit Ihrem Eindruck?
Definitiv. Das Unsicherheitsgefühl, das Juden haben, speist sich nicht nur aus Anschlägen wie zuletzt am Bondi Beach in Australien oder in Manchester, sondern auch aus hiesigen realen Erfahrungen im Alltag, in der Schule, an der Universität. Zuletzt hatten wir einen Flaschenwurf auf das Portal der Jüdischen Gemeinde Darmstadt, einen Brandanschlag auf die Jüdische Gemeinde Gießen und kürzlich einen Vorfall, wo ein unmittelbarer Nachbar der Gemeinde in Darmstadt auf dem Balkon mehrfach den „Hitlergruß“ gezeigt und „Sieg Heil“ gebrüllt hat. Was mich dabei nervös macht, ist, wie ruchlos und offen das passiert. Die Angreifer lassen ihren Hass sogar direkt vor Kameras raus.
Was macht all das mit der Stimmung in den Gemeinden?
Wir verlieren ein Stück weit das Vertrauen in unsere Mitmenschen. Wir igeln uns nicht komplett ein, aber wir sind enger zusammengerückt. Der neudeutsche Begriff des „Safe Space“, wo man mit seinen Sorgen gehört und verstanden wird, ist für uns unglaublich wichtig geworden. Gleichzeitig wissen wir, dass es viele Menschen da draußen gibt, die solidarisch sind. Wir wissen, dass wir starke Partner an unserer Seite haben. Die Politik hat sich nach dem 7. Oktober sehr klar positioniert, Landtagspräsidentin Astrid Wallmann hat die Israelflagge lange vor dem Landtag gehisst, Innenminister Roman Poseck investiert in unsere Sicherheitsinfrastruktur. Das ist gerade jetzt wichtig, da die Sicherheitslage sich durch den Irankrieg noch einmal zuspitzt. Wir wissen, dass die iranischen Revolutionsgarden auch in Europa Schläferzellen haben.
Wie schauen Sie auf diesen neuen Krieg der USA und Israels gegen den Iran?
Vielleicht noch eins: Die Verbindung vieler Juden zu Israel kommt auch daher, dass Israel der einzige jüdische Staat auf dem Planeten ist. Wenn man so ein langes kollektives Gedächtnis hat wie Juden und weiß, dass jüdisches Leben immer nur Existenz auf Widerruf war, ist man heilfroh, dass es diesen einen Ort gibt, an dem man im Zweifel gerne aufgenommen wird. Das gilt gerade für Juden in Deutschland, die im Schatten der Shoah aufgewachsen sind. Zu den Militäraktionen, die Israel und die USA jetzt gestartet haben: Ich kenne keinen Juden und auch keinen Iraner, der diesen Krieg nicht befürwortet und nicht sieht, dass er die Sicherheit Israels erhöht und möglicherweise der erste Schritt zur Freiheit des iranischen Volkes sein kann.
Wenn Sie freie Hand hätten: Was würden Sie tun, um Antisemitismus endlich wirksam zu bekämpfen?
Ich würde als Erstes in allen öffentlichen Institutionen die Antisemitismusdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) etablieren, um entscheiden zu können, was Antisemitismus ist und was nicht. Dann würde ich eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Antisemitismus umsetzen, wie es sie auch bei Rassismus oder Queerfeindlichkeit geben muss. Wir müssen den Hass klar benennen und bekämpfen. Und diese klare rote Linie muss auch für Antisemitismus gelten, der sich hinter Hass auf Israel versteckt. Zu dieser Null-Toleranz-Linie muss gehören, dass wirklich alle antisemitischen Vorfälle an hessischen Schulen gemeldet werden. Das passiert bisher nicht konsequent, weil die Schulen nicht einräumen wollen, dass es Antisemitismus gibt. Das Gleiche gilt für die Unis, wo wir aktuell jüdisch-israelische Professoren haben, die seit dem 7. Oktober am Campus Repressalien und Bedrohungen ausgesetzt sind. Die Gesellschaft muss dem Wort des „Nie wieder“ endlich Taten folgen lassen.
Und dazu gehört auch, Antisemitismus besser zu verstehen?
Absolut. Wir haben heute nicht nur den altbekannten, rechten Judenhass. Antisemitismus artikuliert sich auch im linksprogressiven und im islamistischen Spektrum. Und in der Mitte der Gesellschaft, manchmal unbewusst. Wenn sich die Gesellschaft nicht klarmacht, wie tief der Judenhass in der Kultur verankert ist, dass er immer von Bildungseliten kam, dann wird sie nur auf die politischen Ränder zeigen und glauben, ihn so bekämpfen zu können. Und wir müssen begreifen, dass Antisemitismus mehr ist als ein Vorurteil. Er ist ein Weltdeutungssystem, eine Leidenschaft, etwas tief Emotionales. Ich wäre auch dafür, die Geschichte Israels viel stärker im Schulunterricht zu thematisieren und das kritische Denken massiv zu fördern. Wenn junge Menschen kein Wissen haben, Informationen nicht kritisch hinterfragen, sind sie dem Hass und der Propaganda ausgeliefert. Das ist auch der Grund, warum ich für ein Social-Media-Verbot für alle unter 16 Jahren eintrete.
Ihr Vater war Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Darmstadt, Engagement liegt bei Ihnen in der Familie. Was treibt Sie an, was macht Ihnen Hoffnung?
Mein Großvater hat Deutschland 1936 verlassen, hat im Spanischen Bürgerkrieg und unter französischer Flagge gekämpft. Er kam nach dem Zweiten Weltkrieg zurück und hat hier meine Großmutter kennengelernt, die als Einzige aus ihrer Familie Auschwitz überlebt hatte. Er hat sich entschieden, hierzubleiben, weil er für ein besseres Deutschland kämpfen und die jüdische Gemeinschaft unterstützen wollte. Und wenn er sich dieser Aufgabe in diesem Umfeld aus Vernichtung und Verdrängung gestellt hat, wer wäre ich, heute den Kopf einzuziehen? Ich bin gerne hier, Deutschland ist mein Zuhause. Ich bin nicht bereit, es den Antisemiten zu überlassen, sondern ich will für eine wehrhafte, offene Gesellschaft kämpfen. Ich mache diesen Job nicht in der Erwartung, dass wir übermorgen unsere Koffer packen, sondern in der Hoffnung, dass es hier eine gute Zukunft für Juden gibt – und damit für alle Menschen.
(Interview: Hanning Voigts)