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12.05.2026

Die Spuren jüdischen Lebens: Ausstellungseröffnung am Universitätsplatz in Fulda

Fulda

Über die Vergangenheit zu sprechen ist oft nicht gerade einfach. Je nachdem, wie kritisch oder glorreich der jeweilige Rückblick ausfällt, rutscht man schnell ins Verklären, Belehren oder Verdrängen ab. Dabei ist nichts wichtiger als der Blick zurück – auch und gerade auf das, was verloren gegangen ist.


Die große Rolle jüdischen Lebens in Fulda

Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld begrüßte die Gäste. Eine besondere Freude und Ehre war die Teilnahme von Nachfahren der ehemaligen jüdischen Gemeinde, Ethan Bensinger (Chicago), Eron Wolf und Elly Wolf-Blumenthal (Amsterdam) sowie Ahron, Chhochana, Tomer und Noam Sade aus Israel). Mit Bella Gusman, Anna Litvin und Roman Melamed war der Vorstand der Fuldaer jüdischen Gemeinde da, aus Darmstadt war Daniel Neumann, der Vorsitzende des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen gekommen. Viele Mitglieder der Städtischen Gremien, Mitarbeiter:innen der Stadtverwaltung, Vertreter des Bistums und der Evangelischen Kirche, Mitglieder der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und interessierte Fuldaer nahmen an der Ausstellungseröffnung teil.

"Diese Ausstellung will einen Beitrag dazu leisten, in der breiten Bevölkerung das Bewusstsein für die große Rolle jüdischen Lebens in Fulda zu wecken", so Oberbürgermeister Dr. Wingenfeld in seiner Begrüßung. "Sie sehen hier ganz normale Menschen, alte und junge, arme und wohlhabende, liberale und streng orthodoxe, zugewanderte und seit Jahrhunderten in Fulda verwurzelte Menschen." Sehr bewusst sei die Ausstellung für den öffentlichen Raum konzipiert worden – sie soll später als Wanderausstellung an Schulen, Bildungseinrichtungen und öffentliche Orte gehen.

"Ich bin Teil dieser verlorenen Gemeinschaft"

Bewegende Worte richtete Ethan Bensinger an die Zuhörer. Bensinger ist Nachfahre der Fuldaer Familien Trepp, Kamm und Sichel. "Wir versammeln uns in dieser Stadt voller Geschichte, Schönheit und tiefer kultureller Wurzeln. Sie ist aber auch ein Ort, der von Abwesenheit geprägt ist – von Stimmen, die zum Schweigen gebracht, von Leben, die entwurzelt wurden, von einer Gemeinschaft, die auseinandergerissen wurde." Er sei Teil dieser verlorenen Gemeinschaft, denn in diesen 12 Silhouetten sähe er keine abstrakte Geschichte, sondern seine eigene Familie und deren Freunde, die einst in Fulda tief verwurzelt gewesen waren.

Erstmals zeige eine Ausstellung in Fulda eine öffentliche Darstellung des vielfältigen jüdischen Lebens und würdige die Beiträge der jüdischen Gemeinde zur Stadtgeschichte und zum Stadtleben. Ihre Anwesenheit, ihr Leben sei von Bedeutung gewesen, und ihre Abwesenheit sei es genauso. "Die Ausstellung stellt ihre Identitäten wieder her", so Bensinger. Neben der Erinnerung müsse man sich aber auch dem Verlust stellen, denn "Deutschland hat nicht nur seine jüdischen Bürger verloren, sondern einen lebendigen und unersetzlichen Teil der eigenen Identität. Ein lebenswichtiger Faden wurde aus dem Gewebe der Stadt gerissen."

Die Silhouetten würden etwas von uns verlangen: "Dass wir sie sehen. Dass wir innehalten. Dass wir uns das Leben hinter den Umrissen vorstellen", so Bensinger. Man müsse sich auch fragen, welche Art von Gesellschaft man haben wolle – eine die vergäße oder eine die sich erinnere, eine die gleichgültig sei oder eine, die angesichts von Hass und Ungerechtigkeit wachsam sei. Jeder müsse sich fragen, ob er zulassen wolle, dass Geschichte verblasst.

Ein Widerspruch in sich

Daniel Neumann, der Vorsitzende des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen, machte auf den inhärenten Widerspruch im Ausstellungstitel aufmerksam. "Wir versuchen, etwas lebendig zu machen, das unwiederbringlich verloren ist – und doch verdient das großen Respekt." Die 12 Personen stünden für 12 Lebenslinien, die ein Ende fanden, weil die Gesellschaft ihnen die Würde absprach und sich weigerte, sie als ebenbürtige Menschen zu akzeptieren.

Neumann schlug den Bogen zum Heute: "Wir stehen wieder an einem Abgrund, denn knapp 100 Jahre nach der Shoah fragen Juden in Deutschland sich erneut, ob sie Teil dieser Gesellschaft sind. Es beginnt wieder, etwas zu zerbrechen." Und damit meine er nicht nur die Anschläge auf Synagogen, sondern die vielen alltäglichen Situationen, in denen Juden gemobbt würden und deshalb zunehmend mehr Unsicherheit erleben würden. "Es ist wieder da!", so Neumann. Im Unterschied zu den 1930er Jahren, wo Antisemitismus auch von oben gelenkt wurde, käme er nun von unten – "und das ist vielleicht noch schlimmer." Antisemitismus käme inzwischen von allen Seiten. Er könne nicht positiv auf die Frage antworte, ob die Spuren auch zu lebendigem, jüdischen Leben führen, das in 10, 30, 50 oder 100 Jahren noch da sei.

"Diese Straßen waren einmal meine Heimat"

Ellen Wolf-Blumenthal und Eron Wolf sind Cousine und Cousin von Leopold "Bubi" Kamm, der 1910 in Fulda geboren wurde und mit seinen Eltern nach Palästina flüchtete. "Ein Teil von Fulda ging mit ihnen. Die Verbundenheit zeigte sich auch in kleinen, alltäglichen Dingen. In der Sprache, in der Ordnung, in der Pünktlichkeit, in Möbeln und Geschirr, die sie aus Fulda mitgenommen hatten. Erinnerungen, die man anfassen könnte."

In der Praxis Leo Kamms in Tel Aviv habe sein deutsches Diplom gehangen, ausgestellt von einem Regime, das ihn und seine Familie vertrieben hatte. "Ein Widerspruch, der kaum auszuhalten ist. Und doch lebte er weiter. Baute sich ein Leben auf. Führte seine Praxis bis ins hohe Alter. Und kehrte jedes Jahr nach Fulda zurück. Um zu gedenken. Um die Gräber seiner Familie zu besuchen."

Ellen und Eron brachten einen von Leopold Kamm handgemachten Parochet (Toravorhang) mit, den sie der jüdischen Gemeinde als Geschenk überreichten. "Wir bringen diesen Parochet dorthin zurück, wo die Geschichte anfing – in der Hoffnung, dass dieses Stück Erinnerung nicht nur aufbewahrt wird, sondern lebendig bleibt", so Ellen Wolf-Blumenthal.

Um einen Satz aus Daniel Neumanns Rede aufzugreifen: Es kann nie genug Menschen geben, die auf der Seite der Gesellschaft stehen, in der es keinen Unterschied macht, ob man Jude ist oder nicht. Wenn diese Ausstellung dazu beiträgt, diesen Gedanken in viele Herzen zu pflanzen, kann die Frage nach der Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland vielleicht doch wieder positiv beantwortet werden.

(Quelle: osthessen-news.de)