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30.07.2026

In der Trauer nicht alleine: "Es ist nicht wichtig, welche Medien wir nutzen. Es geht um den Menschen."

Fulda

© Erik Spiegel
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Roman Melamed steht der Jüdischen Gemeinde Fulda vor und erklärt im Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS, wie Trauernde in der Gemeinschaft begleitet werden.


"Es ist nicht wichtig, welche Medien wir nutzen. Social Media, E-Mail oder andere – es geht um Menschen. Menschen machen Medien. Und Menschen machen Medien so, wie sie es verstehen. Man kann das immer einfach so schreiben oder mit Gefühl und mit Mitgefühl schreiben. Ich informiere auch manchmal über Social Media über Trauerfälle, zum Beispiel über Facebook. Menschen müssen erfahren, wenn jemand gestorben ist, damit sie trauern können." (Roman Melamed, Vorsteher der jüdischen Gemeinde Fulda)

Im März 2026 ging mit dem Trauerportal ein neues Angebot von OSTHESSEN|NEWS online, das sich explizit an Hinterbliebene richtet. Gedenkseiten gestalten, digitale Kerzen anzünden, ein paar Gedanken dalassen – kann das Menschen in Trauer helfen, ihre Gefühle auszudrücken und zu verarbeiten? Wir haben mit Roman Melamed, Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Fulda, über die Trauerbegleitung in der jüdischen Gemeinde gesprochen und gefragt, was in Trauersituationen wichtig ist.

Herr Melamed, außerhalb der jüdischen Gemeinschaft ist über die Riten und Gebräuche des Judentums im Trauerfall nicht viel bekannt. Wie geht man mit Trauer um?
Roman Melamed: Die tiefste Trauer, das ist die erste Woche, findet zu Hause statt. Wir nennen diese Zeit auf Hebräisch Schiv'ah, also "Sieben" auf Deutsch. Menschen aus der Gemeinde kommen zu Besuch, Angehörige und Freunde. Alles, was um den Todesfall herum organisiert werden muss, macht die Familie nicht selbst. Die bürokratischen Sachen, die letzten Dienste am Verstorbenen, das alles übernehmen die Chewra Kadischa, die Heilige Bruderschaft, teilweise gemeinsam mit dem Bestattungsinstitut Storch Bestattungen. Chewra Kadischa sind Menschen in der Gemeinde, die genau für diese Unterstützung zuständig sind. Nach Schiv'ah rechnen wir weiter bis dreißig, und das heißt auf Hebräisch Schloschim. In dieser zweiten Trauerphase können die Menschen hinausgehen, ihrem Alltag nachgehen. Insgesamt dauert die Trauerzeit ein Jahr. Danach wird nur noch am Todestag Gedenken gefeiert.

Das heißt, in den ersten sieben Tagen nach dem Versterben eines nahen Angehörigen gibt man den Menschen Zeit, wirklich nur zu trauern?
Roman Melamed: Ja. Die Empfehlung ist, sich diese ersten sieben Tage der Trauer zu nehmen, in dieser Zeit auszuruhen und zu Hause zu bleiben. Das gilt für Kinder und Ehepartner, die nächsten Verwandten. Aber das ist eine Empfehlung, kein Gesetz. Wer zur Arbeit gehen muss, der geht. Die Schulpflicht für Kinder … Das entscheiden die Familien selbst. 

Die Chewra Kadischa kümmern sich um alles, was im Todesfall erledigt werden muss – was umfasst das?
Roman Melamed: Die Trauernden selbst müssen das Kaddisch sagen. Das ist ein ganz besonderes, wichtiges Gebet, das in aramäischer Sprache überliefert ist. Der Tod kommt in dem Gebet nicht vor, es geht um Gott, darum, wie wichtig und groß er ist. Der Sinn dahinter ist, dass der Mensch in Trauer nicht vergessen soll, dass die Welt und alles in der Welt durch Gott existiert. Das Kaddisch ist einerseits Trost für die Familie, aber es hilft auch, im Ritual und in der Struktur Trauer zu verarbeiten. Das Gebet darf nicht alleine gesagt werden, sondern es müssen zehn erwachsene Juden anwesend sein. Deshalb wird das oft in der Synagoge gemacht, beim Gottesdienst. Wenn die Trauerfamilie zu Hause umsorgt wird, Angehörige und Freunde da sind, dann kann sie auch da das Kaddisch sprechen. Die Chewra Kadischa kümmern sich um die anderen Sachen. Sie bereiten den Verstorbenen für das Begräbnis vor, waschen den Körper, kleiden ihn ein, organisieren die Beisetzung. Nach jüdischer Tradition müssen Verstorbene so schnell wie möglich beerdigt werden. In Jerusalem findet das oft noch in derselben Nacht statt.

Die jüdischen Gemeinschaften sind in alle Welt zerstreut, die Familien leben nicht zusammen an einem Ort. Ganz praktisch gefragt – wie werden Trauernachrichten so schnell verbreitet? Das ist ja nun nichts, was man in den WhatsApp Status schreibt.
Roman Melamed: Das passiert in Deutschland zum Beispiel über die Jüdische Allgemeine Zeitung, da werden auch Traueranzeigen eingestellt. Wir zitieren oft Psalmen in den Nachrichten. Einige hebräische Buchstaben und Wörter werden häufig genutzt. Da haben sich eigene Traditionen in der Gestaltung der Anzeige entwickelt. Also zumindest für die deutschen Juden unterscheidet sich das nicht so sehr von dem, was allgemein gemacht wird. Und wir nutzen Social Media, wenn wir Todesfälle bekanntgeben. Es gibt auch bestimmte Internetseiten, wie beispielsweise von der jüdischen Gemeinde, wo man auch Traueranzeigen einstellen kann.

Also ganz zeitgemäß und ohne Vorbehalte gegenüber dem Internet, werden auch Trauernachrichten über soziale Medien verbreitet. Ist das mit Blick auf den Respekt gegenüber Verstorbenen nicht schwierig?
Roman Melamed: Nein, das funktioniert. Es ist nicht wichtig, welche Medien wir nutzen. Social Media, E-Mail, Brief oder andere – es geht um Menschen. Menschen machen Medien. Und Menschen machen Medien so, wie sie es verstehen. Man kann das immer einfach so schreiben oder mit Gefühl und besonders mit Mitgefühl schreiben. Ich informiere auch manchmal über Social Media über Trauerfälle, privat und für die Gemeinde, zum Beispiel über Facebook. Wir alle haben Bekannte und Verwandte in aller Welt, in Israel, in Kanada und anderen Ländern. Meine Tante ist über neunzig Jahre alt – sie liest das. Ich hätte das nicht gedacht, aber sie liest, was ich bei Facebook schreibe.

Sie haben sich das O|N Trauerportal angesehen. Was halten Sie von dem Angebot?
Roman Melamed: Ich finde die Idee des OSTHESSEN|NEWS Trauerportals ganz toll. Viele in der Gemeinde lesen OSTHESSEN|NEWS, viele meiner Kollegen, Freunde und Verwandte lesen das. Ich weiß nicht, warum das so populär ist – aber hier bekommt man die besten Informationen schnell. Das Portal ist einfach zu erreichen. Man öffnet die Startseite, und dann ist da schon alles. Ich denke, das können wir für die Trauernachrichten in der Gemeinde sehr gut nutzen. 

Wir haben uns auf dem alten jüdischen Friedhof in Fulda getroffen, der vor kurzem eröffnet wurde. Warum haben Sie um diesen Treffpunkt gebeten?
Roman Melamed: Dass hier ein Friedhof war, wissen viele Menschen nicht. Die Stadt Fulda hat das Gelände noch vor dem Zweiten Weltkrieg aufgekauft und nach dem Krieg darauf gebaut. Niemand hat gefragt, was hier vor dem Krieg war. Der kleine Gedenkort draußen ist nur ein Teil des ehemaligen Friedhofs – der Rest ist mit dem Hauptzollamt und dem Parkplatz überbaut. Das geht eigentlich nicht. Jüdische Gräber sind für die Ewigkeit, den Platz darf man nicht anders nutzen. Die Gebäude dürfen stehenbleiben. Das wurde von einem Rabbiner in Jerusalem beschlossen, der dazu befragt wurde. Er sagte, wenn eine Synagoge in dem Haus ist, darf es bleiben. Wir haben also eine kleine Synagoge eingerichtet, damit die Angehörigen zum Jahresgedenken hier beten und lesen können. 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Melamed!

Das digitale Trauerportal von OSTHESSEN|NEWS ist erreichbar unter trauer.osthessen-news.de.